2.470  Ein Brief von Abraham Picolet, geschrieben an seine Schwestern.

Liebt Gott über alles, merkt doch auf des Herrn Wort, und habt eure Lust daran.

Die überschwänglich große Gnade und der ewige Friede von Gott, unserm himmlischen Vater, und dem Herrn Jesu Christo, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes ist, wolle euch christliche Weisheit, einen standhaften Glauben, ein beständiges Gemüt und den wahren Verstand des Wortes Gottes in der Wahrheit verleihen; dieses wünsche ich euch, meinen geliebten Schwestern, von ganzem Herzen, Amen.

Wisset, meine Schwestern, daß ich, Abraham, euer Bruder, um des Wortes Gottes willen gefangen genommen, B. L. wissen lasse, daß ich solche Kraft und solchen Mut von dem Herrn erlange, daß ich von Ihm nicht zu weichen hoffe, und weil er mich nicht verlässt, so hoffe ich, sein göttliches Wort vor den blinden Menschen mit des Herrn Hilfe zu bekennen, solange ein Atem in mir ist, denn er schenkt uns merklichen Beistand, sodass ich es sehe und fühle; Ihm müsse für die Gnade gedankt sein, die er an mir armem Sünder erweist, wofür ich ihn nicht genug loben kann. Nebst freundlichem und geziemendem Gruße wisset, meine Schwestern, daß es mir oft eine Freude gewesen, von euch zu hören, daß ihr auch dem Herrn nachzufolgen hofft, euer Leben lang bei der ewigen Wahrheit zu bleiben, und Christo zu dienen und Ihn zu fürchten, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben; wer ihm gehorsam ist, wird ewige Freude besitzen, denn er sagt denen die ewige Freude zu, die ihn lieben und seine Gebote halten; seine Gebote sind nicht schwer, und seine Verheißungen wahrhaftig. Darum, meine geliebten Schwestern, nachdem ihr seinen Willen wisst, und die große Gnade, die er eurer Liebe gegeben hat, so seht doch zu, daß ihr seine Gebote nach eurem schwachen Vermögen haltet, denn wenn ihr tut, was ihr könnt, so fordert er euch nicht mehr ab. Ach, liebe Schafe! Glaubt doch dem Evangelium; begebt euch auf den engen Weg, der nur einen Fuß breit ist, und zum ewigen Leben führt, denn viele werden darnach trachten, aber dazu nicht gelangen können. Diejenigen, die da rufen: Herr, Herr! werden nicht daselbst eingehen, sondern nur diejenigen, die den Willen des Vaters erfüllen, der im Himmel ist. Meine geliebten Schwestern, trachtet nach der Pforte, die eng ist, nämlich nach dem ewigen Leben, und da ihr des Herrn Stimme hört, so seht zu, daß ihr seinen Worten gehorsam seid, und legt alles ab von dem vorigen Wandel, nämlich den alten Menschen, denn das sind die Werke des Fluches: Unreinigkeit, böse Begierden, Hoffart, stolze Aufgeblasenheit, Lügen, Betrug, Pracht und Prahlen, Verleumdung, Schalkheit, Hass, Neid und dergleichen mehr; denn liebe Schafe, das ist Abgötterei, und über alle solche Menschen kommt der Grimm und Zorn Gottes; sie werden nicht in das Himmelreich eingehen, noch dasselbe besitzen sondern ewiges Verderben und ewige Verdammnis ist ihr Teil (wenn sie sich nicht bekehren), in dem Pfuhle, der mit Feuer und Schwefel brennt, welches der zweite Tod ist; da wird Heulen und Zähneklappern sein und ihr Wurm wird nicht sterben, sondern sie werden von Ewigkeit zu Ewigkeit gepeinigt.

Ach, meine lieben Schafe und Schwestern! Lasst darum von dem Bösen ab, denn Gott wird über alle ungläubigen und ungehorsamen Menschen, die dem Worte des Herrn nicht gehorsam gewesen sind, sondern dasselbe verschmäht und verachtet, ja, verfolgt und getötet und die den Herrn nicht zu fürchten gesucht haben, ein unbarmherziges Gericht ergehen lassen, denn, meine Geliebten, Gott hat der Engel nicht geschont, die gesündigt hatten, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen, und sie übergeben, daß sie zum Gerichte behalten würden, und hat der vorigen Welt nicht geschont, noch auch Sodom und Gomorrha, sondern hat sie zu Asche gemacht, umgekehrt und verdammt und denen zum Exempel gestellt, die Gottlosigkeit treiben.

Darum, meine lieben Schwestern, lasst uns Gutes tun und nicht müde werden, wenn wir auch ein wenig um des Namens des Herrn willen leiden müssen; selig seid ihr, und freut euch (sagt Christus), wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet, denn euer Lohn ist groß im Himmel.

In solcher Weise, meine lieben Schwestern, sind sie mit den Propheten verfahren, die vor uns gewesen sind. Leiden und Widerwärtigkeit im Fleische ist allen Gottesfürchtigen zugesagt, gleichwie der Apostel Paulus sagt: Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Nehmt wahr, meine Geliebten, wie es Christo ergangen ist, der keine Sünde getan hat, und in dessen Munde kein Betrug erfunden worden ist, wie er gelitten hat, und das alles um unseretwillen, während er doch ein Herr aller Herren und ein König aller Könige war. Ach, liebe Schwestern! Denkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern erduldet hat; er drohte nicht, als er geschlagen war, sondern überließ Gott die Rache, der da recht richtet. Der, welcher arm war, ist um unseretwillen arm geworden, ja, er hat seine göttliche Wohnung verlassen und eine Knechtsgestalt angenommen, und ist bis zum Tode gehorsam geworden, ja, bis zum Tode am Kreuze, und war einem Wurme ähnlicher, als einem Menschen. Darum hat ihm auch Gott einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit im Namen Jesu sich aller derer Knie beugen sollten, die im Himmel und auf Erden sind; auch sagt der Apostel Petrus: Liebe Brüder, weil nun Christus für uns gelitten hat, so waffnet euch mit demselben Sinne, denn dazu sind wir berufen, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen, gleichwie auch Christus sagt: Haben sie den Hausvater Beelzebub genannt, um wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen; haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. Merkt doch, meine lieben Schwestern, ob uns mehr widerfährt, als uns zugesagt ist; aber das alles werden sie tun, sagt Christus, um meines Namens willen; und ferner: Die Zeit wird kommen, daß wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran; aber das werden sie euch tun, weil sie weder mich, noch meinen Vater kennen; auch sagte der Herr: Ich habe es euch zuvor gesagt, damit wenn die Zeit kommt, ihr daran denkt, daß ich es euch gesagt habe.

Seht, meine lieben Schwestern, es widerfährt uns nichts, als was uns zuvor gesagt und Christo selbst begegnet ist. Darum müssen wir alles ablegen, was an unserer Seelen Seligkeit hinderlich ist, nämlich alle Lüste des Fleisches, alle Werke der Finsternis, und unserm Heiland, dem gekreuzigten Jesu Christo, in Gehorsam nachfolgen; denn wer sagt, er kenne Gott, hält aber seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm; wer sagt, daß er in ihm bleibe, der muss auch wandeln, gleichwie Christus gewandelt ist. Merkt darauf, meine Schwestern, und fürchtet den Herrn, fasst Mut in dem Worte des Herrn, forschet fleißig in der Heiligen Schrift und bittet Gott, den Herrn, ja, hängt euch an ihn Tag und Nacht mit Bitten und Flehen, er wird euch wohl geben, um dasjenige zu verstehen und zu tun, was euch zur Seligkeit nötig ist; Christus sagt, daß sein Geist uns lehren werde, und daß wir vom Herrn gelehrt sein werden, denn von uns selbst haben wir doch nichts als nur Schwachheit.

Darum, meine Schwestern, bittet doch den Herrn, welcher sagt: Bittet, so werdet ihr nehmen; klopft an, so wird euch aufgetan; suchet, so werdet ihr finden; suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch alles, was ihr nötig habt, zugeworfen werden; suchet den Herrn, weil er zu finden ist; ruft ihn an, weil er so nahe ist; der Herr ist doch barmherzig über alle, die ihn zu fürchten suchen. Meine Schwestern, er sagt selbst: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken; nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, dann werdet ihr Ruhe finden für eure Seele, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht, und seine Gebote sind nicht schwer.

Seht, meine Geliebten, wie uns der Herr zur Besserung ruft; darum folgt ihm doch nach, denn wenn man tut, was man kann, so ist der Herr zufrieden; er kann diejenigen wohl bewahren, die auf ihn vertrauen; darum bereut eure Sünden, die ihr in eurer Unwissenheit getan habt, ehe ihr den Herrn erkanntet; schreit und weint zum Herrn, er wird sich eurer erbarmen; denn es ist genug, daß ihr die vergangene Zeit eures Lebens nach heidnischem Willen zugebracht habt, als ihr Gott nicht erkanntet, und von ihm sehr entfremdet wart, und in euren Wollüsten, in Unzucht, Trunkenheit, Fresserei, in Pracht und Übermut wandeltet.

Deshalb, meine Schwestern, nachdem euch der Herr seine Wahrheit offenbart hat, so seht zu, daß ihr ihm treulich dient, und fürchtet nicht die Menschen, die den Leib töten, denn nachher haben sie keine Macht mehr; überdies besteht auch alles Übel, das sie uns antun können, darin, daß sie uns zur Ruhe helfen, durch die große Gnade des Herrn; bekennt Christum vor den Menschen, dann wird er euch auch vor seinem himmlischen Vater bekennen und sagen: Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich, das euch zubereitet ist, von Anfang der Welt. Darum erneuert euch im Geiste eures Gemüts, und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist. Legt die Lügen ab, und redet die Wahrheit; seid Gottes Nachfolger, als seine auserwählten Kinder, und wandelt in der Liebe, in der Stille, in der Freundlichkeit, in der Sanftmut; flieht die Lüste der Jugend, und jagt nach der Gerechtigkeit, der Liebe, dem Frieden, mit allen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, denn die Knechte des Herrn müssen keine Haderer, noch Zänker sein, sondern freundlich gegen jedermann.

Schmückt euch, meine Schwestern, mit einem keuschen Wandel; seid freundlich gegen alle Menschen; seid eurem Herrn untertänig, er wird euch herrlich dafür lohnen; erwählt lieber, mit Gottes Kindern ein wenig Ungemach zu leiden, als ein wenig zeitliche und vergängliche Ergötzlichkeit dieser Welt zu haben, denn das Ende alles dessen ist die ewige Verdammnis. So lasst uns denn dem Herrn seine Schmach tragen helfen; es wird uns durch des Herrn große Gnade trefflich gelohnt werden, wenn er sagen wird: Ei, du guter und getreuer Knecht, über wenig bist du getreu gewesen, über viel will ich dich setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude.

Merkt darauf, meine lieben Schwestern, wie trefflich wir alsdann belohnt werden sollen; darum eilt, den Herrn zu fürchten, denn wir leben heute, und wissen nicht, ob wir morgen leben werden; darum seid munter in der Furcht des Herrn, fasset Mut; richtet die müden Knie und lässigen Hände wieder auf; wendet doch Fleiß an, denn wir wissen nicht, wann der Herr kommt; der Tag des Herrn naht herbei; er kommt wie ein Dieb in der Nacht, wenn man es nicht meint. Seht auch nicht auf einen Menschen, denn wenige sind, die den Herrn fürchten; denkt, wie viel ihrer gewesen sind, als die ganze Welt unterging; da waren ihrer nur acht, die den Herrn fürchteten; auch wie viel ihrer erhalten worden seien, als Sodom und Gomorrha unterging. Ach, denkt! Wie wenige ins Land der Verheißung gekommen seien; niemand weiter als Josua und Kaleb, die andern sind alle um ihrer Bosheit willen umgekommen (gleichwie es auch jetzt durch Bosheit oft geschieht), und weil sie nicht dem Worte Gottes glauben wollten, sondern sie widerstanden den Gerechten, quälten und verfolgten sie; und wenn sich diese nicht auch bekehrten, so werden sie ebenfalls alle umkommen, denn sie sind alle ein Beispiel für uns.

Darum, meine lieben Schwestern, seht doch zu, daß solches uns nicht auch widerfahre, denn um der Sünde willen wird man gestraft, wie der Prophet sagt: Eure Sünde scheiden euch und euren Gott voneinander. Seht, so wird man um seiner Bosheit und seines Unglaubens willen verdammt.

Ach, meine lieben Schwestern, es ist zwar wahr, es ist uns ein wenig Leiden zugestoßen, um des Herrn Namens willen, aber, gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich getröstet durch Jesum Christum; das wenige Leiden ist nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Ach, liebe Freunde, wie angenehm wird es dann sein, wenn die Berge voll süßen Weines triefen und voll Lilien und Rosen stehen werden! Mit solcher Freude will der Herr seine Kinder erfüllen. Darum lasst uns doch den Herrn fürchten und lieben ohne Verdruss, denn wer Gott liebt, der wird auch das Gute tun und das Böse hassen.

Ach, liebe Schafe, kein Auge hat gesehen und kein Ohr gehört, auch kann es kein menschliches Herz bedenken, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben und seine Gebote halten. Ach, überlegt es einmal, welche große Freude alsdann bei denen sein wird, die Gott geliebt und in der Welt bekannt haben. Ach, würde man die Freude bedenken, ich glaube, man würde mehr Fleiß anwenden, den Herrn zu fürchten, und die Menschen nicht zu scheuen, die den Leib töten. Ach, wie viele würden sich derer finden, die den Fußstapfen unseres Herrn nachfolgen würden, denn der Herr will nicht, daß jemand verloren gehe, sondern er will, daß sie sich bekehren und er sie selig machen könne. Aber, meine lieben Schwestern, es geht hier, wie der Prophet sagt: Mit sehenden Augen sehen sie nicht, mit hörenden Ohren hören sie nicht, und verstehen es nicht; denn dieses Volkes Herz ist verstockt, und ihre Ohren hören schlecht, und ihren Augen schlummern, damit sie nicht dermaleinst mit den Augen sehen, und mit den Ohren hören, und mit den Herzen verstehen. Ach, merkt darauf, meine lieben Schafe, ob dem jetzt nicht auch so sei; sie wollen lieber fechten, stolzieren, prahlen, prassen, saufen und allerlei Gräuel tun, als sich bekehren, daß sie der Herr selig machen könne. Das sind verfluchte Leute, sagt der Apostel; sie verlassen den rechten Weg, und, was sie natürlich erkennen, darin verderben sie sich als unvernünftige Tiere; sie verführen und werden verführt.

Ach, liebe Schafe, wendet euch doch von allen weltlichen Lüsten, denn ihre Verdammnis schläft nicht; seid doch darauf bedacht, weil euch der Herr seine Wahrheit zu erkennen gegeben hat, daß ihr ihm gehorsam seid, und wandelt, als gehorsame Kinder des Lichts, in der Liebe und in Frieden; habt einander lieb, und ermahnt einander allezeit mit dem Worte des Herrn; was geht doch über die Liebe? Kann man wohl eine größere Freude haben, als einander allezeit lieben? Ertrage allezeit einer den andern; nehmt einander alle Dinge zum Besten auf, dann wird euch der Herr auch lieben; seid freundlich untereinander und ernstlich in der Furcht des Herrn und der Untersuchung seines göttlichen Wortes; hängt dem Herrn an mit Flehen und Bitten, und fürchtet nicht die Menschen, die heute Herren sind, morgen aber von den Würmern verzehrt werden. Der Herr wird euch nicht verlassen, wie ihr an mir seht, und auch an allen denen, die den Herrn von ganzem Herzen gefürchtet haben, der Herr bewahrt die Seinen, wie er sagt: Kann auch eine Mutter ihres Kindleins vergessen? Und wenn sie auch dessen vergäße, so will er doch unserer nicht vergessen; ja, wer kann die aus seiner Hand reißen, die ihm sein Vater gegeben hat?

Ach, liebe Schwestern, schmückt euch doch und zieht die Waffen an; hängt das Schwert des Geistes an eure Seite, welches das Wort Gottes ist, und seid recht gestiefelt und gewaffnet mit den Waffen der Gerechtigkeit; setzt den Helm des Heils auf euer Haupt, damit ihr den listigen Anläufen des Teufels widerstehen mögt, denn er geht herum, Tag und Nacht, wie ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge; darum seid Gottes Nachfolgerinnen; der Herr wird euch wohl bewahren.

Wisst, meine Schwestern, daß ich den sechsten Tag dieses Monats nachmittags von N. N. abgeholt worden bin (wie ich denn gehört habe, daß er im Namen des Oberanwalts oder seiner Bedienten genannt worden sei), und daß man mich vor den Kerkermeister und einen andern Mann geführt hat, die am Tische saßen und Wein tranken. Als ich nun vorkam, sagte der Kerkermeister zu mir in Gegenwart aller: Abraham, den Dienstag musst du vor Gericht gehen; seine Frau war auch unter denen, die an der Tafel aufwartete; sie sagte: Sie haben drei Wochen Aufschub, worauf der Kerkermeister entgegnete: Weil der Herzog von Alba hierher kommt, so muss es doch geschehen; er führte fast ausschließlich das Wort. Ich sagte, ich wäre wohl zufrieden damit; er fragte, ob ich in der Tat damit zufrieden wäre; ich sagte: Ja, wenn es des Herrn Wille ist, so bin ich damit sehr wohl zufrieden. Sie fragten, ob ich das so gering achtete, wovor Christus so sehr gezittert und gesagt: Ist es möglich, Vater, so nimm diesen Kelch von mir. Ferner fragten sie mich, ob ich nicht frei sein möchte, und wenn die Türen offen ständen, ob ich nicht hinausgehen werde; ich erwiderte: Ja, wenn sie die Türen öffnen würden, so wollte ich hinausgehen; weil dem aber nicht so wäre, so dankte ich dem Herrn für alles, was er mir zusendete; auch sagte ich, sie hätten die Macht nicht, mich ohne Erlaubnis des Herzogs von Alba in Freiheit zu setzen. Sie fragten, ob ich nicht die Absicht hätte auszubrechen; ich entgegnete, wenn ich wüsste, daß er dadurch in Ungelegenheit kommen würde, so möchte ich nicht draußen sein oder ausbrechen. Als er hierauf meinte, solches würde ihn seinen Hals kosten, erwiderte ich, daß mich dann nicht hinaus verlangte.

Wir kamen weiter ins Gespräch und sie fragten, ob sie denn nicht selig werden könnten. Ich antwortete: Der Apostel Johannes sagt: Wer da sagt, er kenne Gott, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner. Ich konnte mich jedoch hierüber nicht weiter aussprechen, denn sie fielen mir in die Rede; jedoch weiß ich selbst nicht, was sie mir zur Antwort gaben; auch sagte ich, daß der Apostel gesagt habe, weder die Hurer noch die Trunkenbolde, noch die Mörder, noch die Lügner, noch die Hoffärtigen, noch die Schlemmer, noch die Prasser, noch dergleichen werden das Reich Gottes ererben, und daß sie keinen Gott haben. Da fielen sie mir abermals in die Rede, denn der Herr öffnete mir den Mund zur Rede in dem Maße, daß sie es nicht alles ertragen konnten. Sie sagten, meine Reden seien zwar wohl wahr, wenn die Menschen in solchen Dingen umkamen, aber sie gedächten, sie könnten doch noch selig werden, wenn sie nur noch Zeit hätten, den Herrn um Vergebung anzurufen; ich antwortete, es sei allzu gefährlich, sich auf solches Anrufen zu verlassen, denn eben diejenigen, die um Vergebung bitten, gingen oft, wenn sie wieder aufkommen, ihre alten Wege, und ich dächte, sie möchten auch zu diesen gehören. Darauf fielen sie mir abermals in meine Rede; ich ermahnte sie, daß sie Buße tun und sich von ihren Sünden bekehren sollten, ehe sie die Todesstunde merkten. Sie fragten, ob wir alle selig werden; ich sagte, daß der Herr denen die Seligkeit verheiße, die seinen Willen tun, und ihn nicht verleugnen, wenn sie auch hier um seines Namens willen leiden müssen; von solchen sagt der Apostel: Aus Gnaden seid ihr selig geworden, denn wenn wir auch alles tun, was wir können, so sind wir doch unnütze Knechte, und müssen auf Gottes Gnade vertrauen. Ich hätte hier gern noch einige Sprüche anführen mögen, aber sie fielen mir allzu sehr in die Rede; ich sagte ihnen, sie hätten eine eitle Hoffnung oder dergleichen Worte, und das um ihrer Sünden willen, gleichwie der Prophet sagt: Eure Sünden scheiden euch und euren Gott voneinander. Darüber entrüsteten sie sich; ich aber dachte, sie hätten nicht nötig, zornig zu werden, insbesondere der Kerkermeister; ferner sagte ich, daß es jetzt zu gehen pflege, wie der Prophet sagt: Wer vom Bösen abweicht, muss jedermanns Raub sein, und wie Christus sagt, daß uns jedermann hassen werde. Da fielen sie alle mir wieder in die Rede, und sagten endlich, daß man mich fortbringen sollte. Es war aber ein Mann unter ihnen, der zum Kerkermeister sagte, er wollte mir zuvor zu trinken bringen; darüber gerieten wir aufs Neue ins Gespräch; aber ich konnte mit meinen Reden nicht recht ankommen, obgleich ich mich gern um eines redlichen Mannes willen ausgesprochen hätte, der dabei war und den Stockmeister selbst strafte, weil er so zornig war. Da brachte mir der Stockmeister ein Glas Wein, wofür ich ihm mit den Worten dankte: Wohl bekomme es dir! Er fragte, warum ich nicht sagte: Gott segne dich! Ich erwiderte: Wir sollen den Namen des Herrn nicht missbrauchen wie die Trunkenbolde und Hurer zu tun pflegen. Darüber entrüsteten sie sich sehr, daß sie mich fortbrachten, ohne mir einen Trunk zu geben. Gott sei gelobt und gedankt für seine große Gnade, weil er den Seinen alles gibt, was ihnen zur Seligkeit nötig ist. Es ist mir gesagt worden, meine Schwestern, daß sie mir dieses nur getan hätten, um zu sehen, ob ich nicht von dem Herrn abweichen sollte; gleichwohl haben sie, soviel ich weiß, mich nicht einmal ermahnt von meinem Glauben abzufallen. Haltet mir mein einfaches Schreiben zugut; mich verlangt sehr nach dem Tage unserer Erlösung. In dieser Nacht war ich so freudig, weil ich gehört hatte, daß unsere Erlösung so nahe wäre, daß mir vor Freuden die Tränen aus den Augen fielen. Dem Herrn sei für seine große Gnade gedankt; wir hoffen, die Zeit in Geduld zu erwarten; vielleicht dachten sie mich damit zu erschrecken, aber ich bin darüber erfreut; Gott sei gelobt, der mir solche Kraft gibt. Ach, meine Schwestern! Sollte man sich nicht freuen, daß man so bald von jeder Widerwärtigkeit durch des Herrn Gnade erlöst werden soll? Ach, wären wir hierzu tüchtig, welch eine große Freude wäre das für mich! Doch hoffe ich darauf, durch die große Gnade des Herrn, wiewohl ich dessen unwürdig bin, ach, wäre es einmal soweit, daß mir der glühende Ofen zubereitetet wäre! Ach, wäre es soweit, daß ich in der engen Pforte stände, wo man Fleisch und Blut zurücklassen muss; dann würde es bald geschehen sein. Ach, meine lieben Schwestern! Ich bin so wohlgemut und erlange solche Kraft von dem Herrn, daß ich es nicht aussprechen kann; er müsse ewiglich gelobt sein für seine große Gnade, die er an mir erweist; ich erfahre nun wohl, daß derjenige, der in seinen Leiden auf den Herrn allein vertraut, solche Herzensfreude hat, die niemand wissen kann, als der sie empfindet.

Lebt wohl, und seid Gott in Gnaden befohlen; bittet Gott den Herrn für mich; ich will ein Gleiches für euch tun.

Geschrieben von mir, eurem schwachen Bruder, Abraham Picolet.