2.465  Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im Gefängnisse geschrieben und an Pouwel von Meenen gesandt, welcher einer seiner Amtsbrüder an dem Evangelium Christi war, als Antwort auf einem Brief, den er von ihm empfangen hat.

Der ewige, unbegreifliche Gott, der allein weise ist, gebe dir seine Gnade, Barmherzigkeit und seinen Frieden, durch unsern Herrn Jesum Christum, und erfülle dich mit allerlei Weisheit, Erkenntnis und Verstand, durch den Heiligen Geist, damit du vor Gott würdig wandeln und seinen Willen vollbringen mögest, zum Preise seines heiligen Namens, zur Auferbauung seiner Gemeinde, und zum Heile deiner Seele; das wünsche ich dir, mein werter und herzlich geliebter Bruder Pouwel zum freundlichen Gruße und Abschiede.

Nebst gebührlichem Gruße, lasse ich dich, mein lieber Bruder, wissen, daß ich aus deinem Briefe verstanden habe, daß du von mir begehrst, ich sollte dir zum Andenken etwas über alle Glaubensartikel schreiben, was ich um deinetwillen gerne tun wollte; aber ich glaube, daß es mir an Zeit gebrechen wird; ferner habe ich vernommen, daß du, nachdem der erste Brief geschrieben war, die Glaubensartikel gesehen hast, die ich vor Kurzem an meine Kinder geschrieben habe; endlich vernehme ich aus dem kleinen Brieflein, das du nachher geschrieben hast, daß du insbesondere meine Meinung darüber zu wissen begehrst, was man mit den Menschen tun soll, welche sich von denen nicht scheiden, welche die Gemeinde, nach der Schrift, in die Meidung getan hat, und sich doch nicht schuldig erkennen wollen. Hierüber verwundere ich mich sehr, daß dieser Geist auch zum Vorschein kommt; aber ich bin besorgt, daß dieser Geist im Grunde ein anderer sei, als er sich von außen darstellt, denn die Meidung steht dem Satan sehr im Wege, gleichwohl hat der Apostel gelehrt, daß es ein gutes Mittel sei, um den, der hinaus gebannt worden ist, schamrot zu machen, das ist so viel gesagt, ihn zur Demut oder Besserung zu bringen; nun aber höre ich nicht, daß der Mangel dieser Meidung größtenteils in denen liege, die gemieden werden sollten, sondern in denen, die meiden sollten, woraus zu ersehen ist, daß die Ursache, warum sie sich von ihnen nicht absondern wollen, in ihnen liegt, und nicht in denen, die in der Meidung sind, was ich daher mutmaße, weil ich gemerkt und auch befürchtet habe, es möchte bei vielen ein geiziger, eigennütziger Geist gewesen sein, sodass man seine Sinne mehr in zeitlicher Nahrung, in Kaufmannschaft und dergleichen geübt hat, als in der Gottseligkeit, oder mehr gesucht hat, den Schatz auf Erden zu sammeln, als im Himmel. So steht nun diese Meidung diesem Geiste öfters im Wege, denn es schadet ihm bisweilen in seinem Geschäfte; deshalb denkt man der Sache nach, ob man dieselbe (Meidung) nicht mit der Schrift aus dem Wege räumen könnte, denn der Geist ist von solcher Art, daß er sich nicht gern zu erkennen gibt, wer er ist, sondern er sucht sich mit dem Mantel der Gerechtigkeit zuzudecken, wird auch in der Gemeinde nicht viel gestraft, oder, wenn man ihn strafen wollte, müsste man ihn mit einem andern Namen nennen, denn bisweilen wird er als Ketzer, bisweilen als Gaukler, bisweilen aber als Götzendiener bestraft. Dies ist die Ursache, daß er sich so heimlich zu verbergen weiß, und doch gleichwohl seine Art auf solche Weise an den Tag gibt; denn wo er hinkommt, da ist er nicht müßig. Darum schreibt der Apostel, daß der Geiz eine Wurzel allen Übels sei; ferner schreibt der Apostel: Wir gebieten euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesu Christi, daß ihr euch aller Brüder entzieht, die unordentlich wandeln, und nicht nach den Satzungen leben, die ihr von uns empfangen habt; ferner schreibt er: Wenn jemand unsern Worten nicht gehorsam ist, den zeigt an durch einen Brief, und habt mit ihm nichts zu schaffen, damit er beschämt werde; gleichwohl haltet ihn nicht wie einen Feind, sondern ermahnt ihn wie einen Bruder.

Hiermit gibt der Apostel zu verstehen, daß die Gemeinde ebenso wohl verbunden sei, mit den Ungehorsamen nichts zu schaffen zu haben, als sich solcher zu entziehen, die unordentlich wandeln, und wollte man auch das Wort entziehen allein von dem Banne verstehen; denn gleichwie sich die Gemeinde entziehen muss, damit sie durch solche Leute nicht versauert oder veruneinigt werde, so darf sie auch nichts von ihnen zu schaffen haben, damit sie beschämt werden, auch verunreinigt sich die Gemeinde, wenn sie die Meidung nicht beobachtet, denn solche hat der Apostel befohlen und gelehrt, und der Grund, weshalb solches der Apostel gelehrt, ist in seinem Briefe an die Korinther enthalten, wo er schreibt: Ich habe euch geschrieben, daß ihr nichts mit den Hurern zu schaffen haben sollt. Hieraus geht hervor, daß er dergleichen schon früher an sie geschrieben hatte, weil sie es aber nicht beobachteten, so hat er es ihnen noch deutlicher erklärt, indem er sagt: Das meine ich gar nicht von den Hurern dieser Welt, oder von den Geizigen, oder von den Räubern, oder von den Abgöttischen, sonst müsstet ihr die Welt räumen; nun aber habe ich euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ihnen zu schaffen haben. Siehe, er sagt abermals: Ich habe euch geschrieben. Daraus kann man ersehen, daß er es noch einmal zu dem Ende anführt, damit sie es besser beobachten möchten, als sie zuvor getan hatten, denn sie unterhielten auch den Bann nicht, weil sie die Meidung nicht halten konnten, indem ohne Bann keine Meidung sein kann, denn die Meidung kommt von dem Banne. Darum hat er sie auch gestraft als Aufgeblasene, die keine Reue hatten, weil solche schändliche Werke unter ihnen geschahen, und hat über den, der solches Werk getan hatte, beschlossen, ihn im Namen des Herrn Jesu Christi in ihrer Versammlung, mit seinem Geiste und mit der Kraft unseres Herrn Jesu Christi, dem Satan zum Verderben des Fleisches zu übergeben, damit der Geist am Tage unseres Herrn Jesu Christi selig werde. So ist nun hieraus offenbar, daß Bann und Meidung gleichen Nutzen haben; sie dienen zu gleichem Zwecke, denn der Apostel sagt, daß er ihn dem Satan zum Verderben des Fleisches übergebe; das ist so viel gesagt: Zum Ersterben des Fleisches; von der Meidung aber sagt er: Habt mit ihm nichts zu schaffen, auf daß er schamrot werde. Merkt doch, wozu die Beschämung dient; einer Frau dient sie dazu, daß sie sich wäscht, wenn man ihr sagt, daß sie besudelt und befleckt sei; auch wird ein nackender Mensch nicht gern in seiner Nacktheit gesehen, sondern er schämt sich, und wenn jemand kommt, so zieht er seine Kleider an, damit er in seiner Nacktheit nicht gesehen werde. Adam, als er seine Nacktheit erkannte, suchte sich sofort zu bedecken, denn er schämte sich und machte einen Schurz von Feigenblättern, seine Schande damit zu bedecken. Nun muss man aber, nach des Apostel Worten, die Gebannten meiden, damit sie beschämt werden, denn wenn man sich ihnen entzieht und sie meidet, so haben sie Ursache nachzudenken, warum solches geschieht; durch dieses Nachdenken erkennen sie ihre Nacktheit und schämen sich vor dem Herrn, ihrem Gott, an welchem sie gesündigt haben, und werden dadurch in ihrem Gewissen geschlagen, daß sie in solchem Zustande vor dem Herrn nicht erscheinen dürfen; darum suchen sie ein Mittel, ihre Nacktheit zu bedecken, aber nicht mit Feigenblättern, wie Adam tat, sondern mit dem Lammsfell Christi Jesu, welchen man durch den Glauben mit einem zerbrochenen und zerschlagenen Herzen annehmen muss, wie denn auch Gott dem Adam, als er sich demütigte, Kleider von Fellen anzog, um seine Blöße zu bedecken. So hat denn, liebe Brüder, der Bann und die Meidung gleichen Zweck, und streiten nicht wider einander; darum sagt auch der Apostel: Haltet ihn nicht wie einen Feind, sondern ermahnt ihn wie einen Bruder. Die Ermahnung ist nicht wider die Meidung, denn die Ermahnung dient zur Besserung, gleichwie der Bann und die Meidung auch zur Besserung dienen. Darum wird es von den Aposteln nicht verboten, sondern gelehrt, daß man sie wie Brüder ermahnen soll; denn alles, was ihnen nicht zuwider ist, nämlich dem Bann und der Meidung, das verbieten sie nicht; aber wo der Bann ist, da muss auch die Meidung sein, denn sie kommt von dem Banne her. Darum, als er an die Korinther geschrieben hatte, daß sie den Hurer dem Satan übergeben und diesen Sauerteig ausfegen sollten, hat er ihnen auch gemeldet: Aber ich habe euch geschrieben, daß ihr mit solchen nichts zu schaffen haben sollt; nämlich, wenn sich jemand einen Bruder heißen oder nennen lässt, und ist ein Ehebrecher, oder ein Geiziger, oder ein Götzendiener, oder ein Lästerer, oder ein Trunkenbold, oder ein Räuber, mit solchem sollt ihr auch nicht essen. Denn was gehen mich die an, die draußen sind, daß ich sie richten sollte? Merkt, er sagt richten. Gleichwohl hat er kein Wort geschrieben, woraus sie hätten schließen können, daß man die Welt in den Bann tun sollte, sondern er hat geschrieben, daß sie mit den Hurern nichts zu schaffen haben sollten. Damit sie es aber nicht von den Hurern in der Welt verstehen möchten, als ob man mit ihnen nichts zu schaffen haben sollte, so sagt er: Solches verstehe ich nicht von den Hurern dieser Welt, oder von den Geizigen, sonst müsstet ihr die Welt räumen; denn was gehen mich die an, die draußen sind, daß ich sie richten sollte? Siehe, unter diesem Richten versteht er, daß man mit ihnen nichts zu schaffen haben soll, obwohl die Meidung nicht der Bann oder das Gericht selbst ist, sondern es befestigt das Gericht; denn wenn ich sage, du sollst mit diesem Manne nichts zu schaffen haben, so bezeuge ich damit, daß er im Banne sei, und alle, die ihn in der Meidung halten, zeigen damit an, daß er gerichtet sei. Darum sagt er: Richtet ihr nicht, die darin sind; die draußen sind, wird Gott richten; tut von euch selbst hinaus, der böse ist. Hieraus kann man wohl wahrnehmen, daß die Meidung in der Heiligen Schrift so viel Grund habe, als der Bann. Diejenigen nun, die die Meidung verwerfen, verwerfen auch die Schrift, weil sie ihren Grund in der Schrift hat, und diejenigen also, die die Meidung nicht beobachten wollen, sündigen nicht wider die Menschen, sondern wider den Herrn; darum soll die Gemeinde solches nicht dulden, daß sie sich so an dem Herrn versündigen, und nicht bekennen wollen, daß sie schuldig seien; denn sie sind Knechte des Herrn, um allen Ungehorsam zu strafen. Nun merken wir zunächst aus Christi Worten, daß, wenn jemand an seinem Nächsten durch irgendein Vergehen sündigt, er sich mit seinem Nächsten versöhnen müsse, oder er kann, nach gehöriger Ermahnung, kein Bruder bleiben, sondern man muss ihn für einen Heiden oder Zöllner halten, welche nicht in dem Bunde des Herrn waren, mit welchen auch die Juden keine Gemeinschaft haben wollten; und weil man sie nun für Menschen halten muss, die außer dem Bunde des Herrn stehen, weil sie sich nur aus Schwachheit an ihrem Nächsten vergangen haben, und sich nicht schuldig geben wollen, was soll man dann aber von denen halten, die wider den Herrn sündigen und seine Lehre übertreten, was oft aus Unachtsamkeit oder aus Eigennutz, oder um Freunde und Verwandte willen geschieht, und sich doch mit dem Herrn nicht versöhnen wollen? Sodann schreibt Mose: Wenn jemand einen Toten anrührte, und wollte sich am dritten oder siebten Tage nicht waschen, der musste ausgerottet werden, und gleichwohl musste man die Toten anrühren, denn man musste ihnen zum Grabe helfen; aber wenn sie sich nicht waschen wollten, mussten sie ausgerottet werden, ja der Priester durfte sich nicht an allen Toten verunreinigen, durfte auch nicht zu allen Toten gehen, denn er hatte das Salböl auf seinem Haupte. Wenn nun unter dem Volke Israel diejenigen so gestraft werden mussten, die sich nicht mit Wasser reinigen wollten, von einer Unreinigkeit, die auf Notwendigkeit beruhte, wie sollte man nun diejenigen in der Gemeinde dulden, die ohne Not, ja, oft um des Gewinnes oder um des Treibens des Fleisches und Blutes willen an diesen Toten sich verunreinigen, die aus der Gemeinde gestoßen worden sind, und sich nicht waschen, das ist, ihre Schuld tragen oder bekennen wollen? Man soll diese Leute nicht tragen, wie ich solches aus der Heiligen Schrift erkannt habe, und wenn man die Leute dulden will, so lässt es sich nicht billigen, denn dann dürfte morgen ein anderer aufstehen und den Bann ganz aufheben wollen, und euch beweisen, daß ihr ebenso wohl verbunden wärt, die Meidung zu halten, als auch den Bann; dann aber würdet ihr mit eurem eigenen Stocke geschlagen werden; dann würde auch der Zaun ganz niedergerissen werden, und die Schweine würden in des Herrn Weinberg laufen und ihn zerwühlen. Ach, liebe Brüder; nehmt euch doch in Acht, blast mit der Posaune auf dem Berge Zion, lasst Israel das Wort des Herrn hören; straft, droht, ermahnt mit aller Langmut. Mit den Einfältigen, die im Verstande verführt sind, handelt väterlich und langmütig, ob sie Gott durch seinen Geist noch erleuchten wolle. Die Verwundeten bindet, die Verirrten sucht, das zerstoßene Rohr und den glimmenden Docht löscht nicht aus; habt allezeit gute Acht auf euch selbst und auf die Herde, in welche der Heilige Geist gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu weiden, die er mit seinem Blute erkauft hat; darum weidet die Herde Christi nicht gezwungen, sondern freiwillig, und gedenkt daran, was der Apostel gesagt: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige! Tue ich es gern, so wird es mir belohnt; tue ich es aber ungern, so ist mir das Amt doch befohlen. Darum sagt er auch: Obgleich wir als Christi Apostel euch hätten schwer sein mögen, so sind wir doch mütterlich gewesen bei euch, gleichwie eine Amme ihrer Kinder pflegt; ebenso hatten wir Herzenslust an euch, und waren willig, euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser Leben mitzuteilen, weil wir euch liebgewonnen hatten; auch sagte er, gleichwie ein Vater seine Kinder ermahne, so habe er sie auch ermahnt, getröstet, und bezeugt, daß sie vor Gott würdig wandeln sollten.

So habe denn Acht, mein lieber Bruder, auf deine Schafe, und nimm dich deiner Herde mit einem zugeneigten Gemüte an, dann wirst du (wenn sich der Erzhirt offenbaren wird) die unvergängliche Krone der Ehren empfangen. Darum, mein lieber Bruder, sei munter, und verrichte das Werk eines rechtschaffenen Predigers; führe deinen Dienst redlich aus und sage mit dem Propheten: Um Zion willen will ich nicht schweigen, noch um Jerusalem willen inne halten, bis daß ihre Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz, und ihr Heil entbrenne wie eine Fackel. Halte gute Wache und wache über ihre Seelen, der du Rechenschaft davon geben musst. Siehst du das Schwert kommen, so blase das Horn, und warne das Volk im Namen des Herrn, damit die Schläfrigen aufwachen, und die strauchelnden Knie recht gehen, und die lässigen Hände wieder aufgerichtet werden mögen, und du so an ihrem Blute unschuldig sein mögest. Der Herr gebe dir dazu Gnade; er wolle dich stärken durch seinen Geist, damit du das Ende deines Glaubens erreichen mögest, zum Heile deiner Seele, Amen. Ich bitte dich, lieber Bruder, nimm meine kurze Ermahnung zum Besten auf, denn sie ist aus Liebe geschehen; jetzt hast du meine einfache Meinung von der Meidung, und in der Kürze dasjenige, was man mit denen tun soll, die nicht meiden und keine Schuld bekennen wollen. Ich hätte wohl ausführlicher davon geschrieben, aber die Umstände ließen es nicht zu. Hiermit will ich meinen lieben und sehr werten Bruder, den ich von ganzem Herzen liebe, und sein liebes Weib, dem Herrn anbefehlen und dem Worte seiner Gnade. Bitte den Herrn für uns; ich danke dir herzlich für dasjenige, was du mir gesandt hast; ich bitte dich, danke auch dem Pieter sehr herzlich für mich. Geschrieben den 17. und 18. Mai von mir, Jacob de Roore; ich wünsche, daß du eine Abschrift dieses Briefe an einen von den Dienern zu Armentiers oder an mein Weib senden wollest. Lieber Bruder Pouwel, wenn du noch etwas begehrst, und ich Zeit habe, so bin ich zu deinen Diensten, obwohl bei mir wenig zu erlangen ist. Grüße mir eure Diener sehr herzlich, auch alle, die Gott fürchten und lieben, wenn du Gelegenheit findest.

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf merken: Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.