2.461  Der erste Brief des Jacob Kerzengießer, geschrieben an sein Weib.

Die ewige unvergängliche Weisheit Gottes, unsers himmlischen Vaters, die große Liebe seines Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi, und die Kraft seines Heiligen Geistes wünsche ich dir, mein liebes und wertes Weib, zum Troste deines Gemütes, als einen herzlichen Gruß von Gott, durch Christum, unsern Herrn und Seligmacher, Amen.

Mein herzlich geliebtes und auserwähltes Weib, ich lasse dich wissen, daß es mit meinem Gemüte sehr wohl steht, dem Herrn sei ewiges Lob für seine Gnade, nur daß ich um deinet und der Kinder willen sehr betrübt bin, denn ich liebe dich und sie von Herzen; ich weiß auch nichts unter dem Himmel, was mich vermögen konnte, dich zu verlassen; aber um des Herrn und seiner unsichtbaren Güter willen müssen wir alles verlassen, durch die Liebe Gottes, die in unsere Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen ist.

Darum sagt Christus: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer sein Kreuz nicht aufnimmt, und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert; ferner sagt er: Wer zu mir kommen will, und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter, der kann nicht mein Jünger sein; ja, Brüder und Schwestern, Weib und Kinder, dazu sein eigenes Leben, und alles, was wir besitzen, sollen wir um seinetwillen verlassen, oder wir können nicht Christi Jünger sein, denn obschon sich dieser Hass nicht weiter erstreckt, als soweit uns diese Dinge ankleben, um uns von Christo abzuziehen, so müssen wir doch dieselben durch die Liebe Gottes überwinden und verlassen, denn damit beweisen wir, daß wir Gott über alles lieben, aus aller Kraft, und all unserm Vermögen, welches das größte Gebot im Gesetze ist und von Paulus so genannt wird: Die Hauptsumme des Gebots ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungefärbtem Glauben. Durch diese Liebe und durch diesen Glauben muss man Christum ungeheuchelt bekennen, und ihn auch um Vater oder Mutter, um Weib oder Kinder, ja seines eigenen Lebens willen nicht verlassen. Darum schreibt Salomo: Liebe ist stark wie der Tod und Eifer ist fest wie die Hölle, ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen, noch die Ströme sie ersäufen mögen. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so würde es alles nichts gelten, denn man kann sie mit keinem Gute kaufen, sondern sie wird denen von Gott durch den Heiligen Geist umsonst gegeben, die ihn in der Wahrheit suchen.

Darum bitte ich dich, mein liebes Weib, du wollest deine Seele in Geduld fassen, und dich in dieser meiner Versuchung, welche durch Gottes Zulassung mir widerfährt, nicht gar zu sehr betrüben, denn ich meinte, ich wollte meinen Abschied machen, und dich mit H. oder mit sonst jemandem fortschicken; der Herr aber hat es mir nicht zugelassen. Er weiß es, warum es geschieht; gleichwohl bin ich sehr betrübt um deinetwillen, denn ich lasse dich in großer Last zurück; aber ich hoffe, daß der Herr, der mich dir entnommen hat, dir helfen und dich versorgen werde, nach seiner Verheißung, denn er speist ja die Raben und kleinen Tierlein, weil sie seine Geschöpfe sind, um wie viel mehr wird er für seine Auserwählten sorgen, die Tag und Nacht zu ihm schreien.

Darum sagt Petrus: Alle eure Sorge werft auf den Herrn, denn er sorgt für euch; wie auch David sagt: Aller Augen warten auf dich, du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

So vertraue denn dem Herrn, meine liebe Hausfrau, solches bitte ich von dir, denn der dem Sämann Samen gibt, der wird dir auch Brot zur Speise geben. Ziehe nach dem Lande C., dort geht es sehr friedsam zu. Die Brüder sagten, sie wollten uns behilflich sein, wo sie könnten; ich hatte alles sehr gut angeordnet, sodass ich hoffte, es würde dir sehr wohl gefallen, was ich dich noch habe wissen lassen wollen.

Ferner bitte ich dich, mein liebes und sehr wertes Weib, daß du an meinen Kindern allen Fleiß anwendest, und sie in der Furcht Gottes mit guter Unterweisung und Züchtigung auferziehst, weil sie noch jung sind, denn durch die Rute beugt man ihren Rücken, und bringt sie unter ihrer Eltern Gehorsam; darum steht geschrieben: Wer sein Kind lieb hat, der gibt ihm bisweilen die Rute, und wer seine Rute spart, der hasst seinen Sohn; aber, wer ihn lieb hat, unterweist ihn, denn die Unterweisung muss bei der Züchtigung sein, indem die Züchtigung Gehorsam erfordert; soll aber jemand gehorsam sein, muss er zuvor unterrichtet worden sein; diese Unterweisung besteht aber nicht in harten Worten, oder lautem Rufen, denn solches lernen die Kindlein nachmachen; führt man sich aber in ihrer Gegenwart ehrbar auf, so haben sie ein gutes Beispiel, und lernen Ehrbarkeit, denn an den Kindern erkennt man die Eltern. Auch müssen die Eltern ihre Kinder nicht zum Zorne reizen, damit sie nicht kleinmütig werden, sondern müssen sie mit Ermahnung und gutem Unterrichte auferziehen.

So tue denn dein Bestes an ihnen, mein liebes und wertes Weib, darum bitte ich dich, und nimm auch deiner selbst wahr, damit du das Ende deines Glaubens, zu deiner Seele Seligkeit, davon tragen mögest. Laß nicht nach, um der Trübsal willen, die wir leiden müssen, sondern bedenke, wie das unschuldige Lamm Christus Jesus von Anfang der Welt her in den Gläubigen habe leiden müssen; darum sagt der Herr: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an, zu Paulus sagt er: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Aber Saul sagte: Herr, wer bist du? Er sagte: Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst. Nicht als hätte er Christum dem Fleisch nach verfolgt, denn derselbe war schon gestorben (ehe er verfolgte), sondern er verfolgte die Christen, in welchen Christus dem Geiste nach lebte; denn sie leben sich selbst nicht, sondern Christus lebt in ihnen; darum, wenn sie leiden, so leiden sie nicht um ihretwillen, sondern um des Namens Christi willen, denn wenn sie sich selbst litten, so hätten sie keine Not, indem die Welt sie lieben würde, aber, weil sie nicht von der Welt sind, und weil Christus sie von der Welt erwählt hat, darum hasst sie die Welt. Darum sagt auch Petrus: Wenn ihr um des Namens Christi willen leidet, so seid ihr selig, denn der Geist Gottes, der ein Geist der Herrlichkeit ist, ruht auf euch, bei ihnen wird er gelästert, aber bei euch wird er gepriesen; denn durch denselben Geist werden sie getröstet, sodass sie wissen, daß, gleichwie des Leidens Christi viel über sie kommt, werden sie auch reichlich durch Christum getröstet, nämlich, wenn sie mit ihm leiden, so sollen sie sich auch mit ihm freuen, denn ihre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, weil sie nicht auf das sehen, was sichtbar, sondern auf das, was unsichtbar ist, denn was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Darum sagt Paulus: Ich halte dafür, daß dieser Zeit Leiden nicht zu vergleichen sei mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll, denn wir wissen, wenn das irdische Haus dieser Wohnung zerbrechen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel; dann wird das Sterbliche von dem Leben verschlungen werden, denn da wird kein Tod mehr sein, noch Leid, noch einige Hitze, denn Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.

Dann werden sie wie Mastkälber springen, dann werden sie auf dem Berge Zion triumphieren, mit Palmenzweigen in ihren Händen, und werden die Kronen der Ehren empfangen, welche Gott allen denen zubereitet hat, die ihn und seine Zukunft lieb haben.

So tröste dich denn, mein liebes Weib, mit diesen Worten, und sei in deiner Trübsal geduldig; solches bitte ich von dir, denn bin ich dir schon entnommen, so denke, daß keines des andern versichert sein kann, weil wir alle sterben müssen; auch hat uns der Herr lange genug beisammen gelassen, in so mancher Gefahr, worin wir gewandelt sind.

Es hat ja in unseren Zeiten so viele gegeben, die einander verlassen mussten, einige durch Gefangenschaft, andere durch Krankheit, woran sie gestorben sind. So kann man auch keines herrlicheren Todes sterben, als um des Namens Christi willen, indem sie von Gott nicht alle tüchtig gemacht werden, um seines Namens willen zu leiden, denn das ist Gnade bei Gott, sagt Petrus.

Darum ging er und so auch Johannes fröhlich seines Weges, weil sie würdig waren, um seines Namens willen Schmach zu leiden.

Ach, mein liebes und wertes Weib! Es wäre mir eine große Freude, wenn ich hören würde, daß du wohlgemut wärest, denn so oft ich deinen oder der Kinder Namen geschrieben habe, konnte ich mich des Weinens nicht enthalten; dennoch bin ich, was meine Person betrifft, wohlgemut, dem Herrn sei Lob für seine Gnade, was ich nicht gedacht hätte, ehe ich in Haft kam, so schwach befand ich mich damals. Darum hat Christus mit Recht gesagt: Ich will euch nicht als Waisen lassen, sondern zu euch kommen. Hiermit will ich dich, mein liebes und wertes Weib, dem Herrn anbefehlen, der mächtig ist, deinen Schatz zu bewahren, und dir und allen denen das Erbe zu geben, die durch den Glauben an Jesum Christum geheiligt werden. Der allmächtige Herr wolle dich stärken durch seine Geist, Amen.

Geschrieben den 24. April von mir, Jacob, deinem Manne. Laß dieses abschreiben und bewahre es zum Andenken an mich, denn ich weiß nicht, ob ich dir noch mehr schreiben werde. Grüße mir sehr alle Brüder und Schwestern und alle, die Gott fürchten, meine Kinder, B. und sein Weib, deinen Bruder T. und sein Weib, I. und F. T. und F., seinen Bruder, I. de L. mit seinem Weibe, sowie meine Freunde in Kortryck.

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf merken:
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.