2.454  Der erste Brief von Jan von Hasebroeck an sein Weib.

Die überfließende Gnade, Friede und Barmherzigkeit Gottes, des himmlischen Vaters, samt der Liebe unsers lieben Herrn Jesu Christi, die er an uns durch die Ausgießung seines heiligen und teuern Blutes an dem Kreuzesholze bewiesen hat, wolle dich stark und kräftig machen an dem inwendigen Menschen mit seinem Worte und der Kraft seines Heiligen Geistes; derselbe wolle dir viel Weisheit und Verstand geben, damit du bestehen mögest zum Preise des Herrn und zu deiner Seele Heil; das wünsche ich dir, mein liebes und sehr wertes Weib und Schwester in Christo Jesu, zum herzlichen Gruße, wie auch allen, die den Herrn von Herzen fürchten, Amen.

Nebst herzlichem Gruße lasse ich dich wissen, mein liebes und sehr wertes Weib, daß ich inwendig und auswendig noch wohlauf sei, dem Herrn sei ewiges Lob für seine große Gnade und Barmherzigkeit, wie ich denn auch, durch des Herrn Gnade, das Vertrauen habe, daß es mit dir, dem Auswendigen und Inwendigen nach, so bestellt sei wie es dem Herrn gefällt; denn, meine Geliebteste, hätte es dem Herrn anders gefallen, er hätte es bald so verordnet; darum laß uns mit demjenigen zufrieden sein, was der Herr über uns beschlossen hat, indem er weiß, was dir zur Seligkeit dient. Ach, meine allerliebste Liebe! Ich berichte dir, daß du meinem Herzen eine Arznei gewesen bist, als ich dich neulich an dem Gitter sah; denn, gleichwie ein Durstiger nach frischem Wasser sich sehnt, so war mein Herz begierig, einmal dein Angesicht zu sehen. Ach, mein liebes Weib! Könnte ich dich noch einmal sehen, mit dir reden und Abschied von dir nehmen! Aber, meine Geliebteste, der Herr hat mir nicht befohlen, Abschied von meinen Freunden zu nehmen, sondern daß ich ihm in Gehorsam der Wahrheit nachfolgen soll. Ach, meine geliebtes Weib, die ich vor Christo und seiner Gemeinde zur Gehilfin auf meiner Wallfahrt geehelicht habe, über welche der Herr mich zum Haupte und Schutzherrn gesetzt hat, dich zu verpflegen und zu ernähren, wie meinen eigenen Leib. Nun, meine Geliebteste, wenn ich meines Berufes während der Zeit, daß wir beieinander waren, nun nicht gut wahrgenommen und dich vielleicht in einer Sache betrübt habe, so bitte ich dich freundlich aus meines Herzens Grunde, du wollest es mir vergeben; ich habe den Herrn mit Tränen gebeten, daß er es mir vergeben wolle. Ach, mein liebes Weib, alles, was du mir etwa zuwider getan hast, vergebe ich dir von Herzen. Ach, mein liebes Weib, du hast mich nicht beleidigt; aber ich habe mich selbst betrübt; darum habe ich auch den Herrn gebeten, daß er es mir vergeben wolle, und auch du, mein liebes Weib, bitte den Herrn für mich, daß ich ein angenehmes Opfer des Herrn werden möge, denn durch des Herrn Gnade hoffe ich mit unsern Mitbrüdern dir vorzugehen, und dich unter dem Altare zu erwarten. Ach, meine Geliebteste, meine Herzensbitte an dich ist, daß du allezeit würdig vor Gott und seiner Gemeinde wandeln wollest, wie du auch bisher getan hast, damit wir am jüngsten Tage stehen und seine Stimme hören mögen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist. Auch sagte Christus: Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist meines Vaters Wohlgefallen, dir sein Reich zu geben; desgleichen sagt Christus: Fürchtet euch nicht, denn die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. Meine Geliebteste, tröste dich mit dem Worte des Herrn und den schönen Verheißungen Gottes, damit du auf dem Wege des Herrn nicht matt werdest, um der großen Verfolgung und Pein willen, die man seinem Volke um seines Namens willen antut, denn er sagt selbst: Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten, und nachher nichts mehr tun können, sondern fürchtet euch vielmehr vor dem, der, wenn er getötet hat, Macht hat, die Seele in die Hölle zu werfen; wie auch der Prophet Jesaja gesagt hat: Fürchtet euch nicht vor den Menschen oder den Menschenkindern, die wie Heu vergehen. Darum, meine Geliebteste, fürchte dich nicht vor dieser Pein, denn Paulus sagt, daß dieser Zeit Leiden nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen sei, die an uns offenbar werden soll; auch sagt Paulus an einem andern Orte: Wenn auch unser äußerlicher Mensch verwest, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen, denn was sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Ach, mein geliebtes Weib, meines Herzens Bitte und Begehren ist, daß du dich allezeit zu denen halten wollest, die den Herrn fürchten, was ich auch zu tun hoffe, damit wir dermaleinst zusammenkommen mögen, wo uns die Menschen nicht mehr scheiden werden, und wo wir uns ewiglich bei dem Vater und seinem Sohne erfreuen werden; wenn wir nur standhaft bleiben, so werden wir die Seligkeit erlangen.

Ach, mein liebes Weib, der Prophet Maleachi sagt, daß ein Tag kommen werde, der wie ein Ofen brennen soll; dann werden alle gottlosen Verächter wie Stroh sein, und der Tag wird sie anstecken, und ihnen weder Wurzel noch Zweig übrig lassen; euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet (sagt er), soll die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und Heil unter ihren Flügeln; ihr werdet aus- und eingehen und Weide finden.

Siehe doch, mein liebes Weib, welch ein Unterschied zwischen denen sei, die Gott fürchten, und denen die Gott nicht fürchten, denn der Apostel Paulus an die Thessalonicher, im ersten Kapitel des zweiten Briefes, sagt: Wenn der Herr Jesus sich offenbaren wird, samt den Engeln seiner Kraft, und mit Feuerflammen, um Rache an denen auszuüben, die Gott nicht erkannt haben und dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen sind, welche Pein leiden werden und das ewige Verderben vor dem Angesichte seiner Kraft, da ihr Feuer nicht verlöschen, noch ihr Wurm sterben wird; sondern ihr Rauch wird aufgehen von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Siehe, das wird ihr Lohn sein. Aber die Gott fürchten, ihn lieben und seine Gebote halten (nach ihrer Schwachheit), deren Lohn wird Leben und Friede sein, gleichwie die Schrift hiervon genugsam Nachricht gibt; so sagt auch Paulus, daß niemals ein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört habe, oder in eines Menschen Herz gekommen sei, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.

Hiermit will ich meine Rede abkürzen, und dich dem allmächtigen Herrn, dem Gotte Abrahams, dem Gotte Isaaks und dem Gotte Jakobs anbefehlen, welcher mich dir gegeben hat und (wie zuvor gemeldet worden ist) mich dir zum Haupte gesetzt hatte, um dich zu ernähren und zu versorgen, wie mein eigenes Fleisch, was ich auch während der Zeit, daß ich bei euch war, nach meinem geringen Vermögen getan habe; da ich aber nun dir entnommen bin, so befehle ich dich, mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, dem Gotte des Friedens, der dich mir gegeben hat, und bitte ihn demütig, durch Jesum Christum, seinen lieben und werten Sohn, daß er dich allezeit mit meinen zwei kleinen Schäflein bis ans Ende in seiner Wahrheit bewahren wolle. Ebenso bitte ich auch dich, mein liebes Weib, aus meines Herzens Grunde, daß du an meinen beiden Kindern das Beste tun wollest, wie ich hoffe, daß du tun werdest. Ach, wie gern wollte ich noch mein Bestes daran wenden, wenn es dem Herrn gefiele! Meine Geliebteste, ich habe vernommen, daß du mir einen Brief gesandt hast, aber ich habe ihn nicht empfangen; darum, wenn du mir etwas entbieten willst, so rede mit N. und frage sie, ob sie nicht jemand wüsste, der nach dem gemeinen Stein gehen, und nach dem Schwager in der Walkers Hause fragen wollte, denn wenn du ihm das mir Mitzuteilende vorsichtig in die Hände geben kannst, so hoffen wir, solches wohl zu erlangen, darum gehe damit vorsichtig zu Werke, und sende nichts, ohne mit andern zu reden, damit es zu passender Zeit geschehen möge und desto weniger Aufsehen mache, denn wir haben um eines Briefes willen, der von Außen kam, große Not ausgestanden, worin uns mitgeteilt war, sie hätten zwei von unsern Briefen empfangen; dieser Brief ist in des Kerkermeisters Hände geraten, welcher ganz wütend über uns war, das wir geschrieben hätten. Darum, meine liebste Liebe, wenn du mir etwas schreiben willst, so melde nicht, daß du einen Brief von mir empfangen habest, wenn du aber diesen Brief von mir empfangen hast, und mir einen anderen sendest, so setze das Zeichen unter deinen Brief, das unter diesem steht; daran werde ich erkennen, daß du meinen Brief empfangen hast, und wenn du mit meinem Bruder redest, so grüße ihn sehr, und sage ihm, daß er mit Noah in den Kasten gehe, damit ihn die Sündflut, der Zorn Gottes, nicht überfalle, und daß er mit Lot aus Sodom gehe, ohne zurückzusehen, wie Lots Weib, welche denen, die in späteren Zeiten ungöttlich wandeln würden, ein Beispiel gegeben worden ist; denn Christus sagt: Wer seine Hand an den Pflug legt, und sieht zurück, der ist nicht tüchtig zum Reiche Gottes. Hiermit sollst du ihn auch von mir sehr grüßen; ich grüße auch alle, die nach mir fragen, insbesondere meinen gewesenen Meister, auch meinen Landsmann und seine Frau, und die Frau, welche den vorigen Tag bei uns war, und ferner auch dich, meine Geliebteste, die ich auf Erden weiß, ja, die ich wie mein eigenes Leben liebe, denn der Herr, der reich ist von Barmherzigkeit, weiß es, daß mir das irdische Leben nicht so am Herzen liegt.

Ach, meine Geliebteste, bleibe dem Herrn und dem Worte seiner Gnade anbefohlen, samt allen, die Gott fürchten, Amen.

Geschrieben von mir, Jan von Hasebroeck, deinem Manne und schwachen Bruder in Christo.