2.439  Der zweite Brief von Wouter Denys und seinen Mitgefangenen an seine Brüder und Schwestern in dem Herrn.

Die unergründliche Gnade des Herrn Jesu Christi sei mit allen lieben Brüdern und Schwestern und allen lieben Freunden, die in der rechten angenehmen Furcht des Herrn zu wandeln begehren; und den Vorstehern der rechten Braut Christi wünschen wir Brüder und Schwestern, die zu Kortryck um des Zeugnisses Jesu Christi willen in Banden sind, dieselben zum herzlichen Gruße, nämlich wir: Jan von Raes, Francois, ein Zimmermann, Jan Watier von Komen, Peter, der Alte, Wouter Denys und Kalleken von dem Berge.

Wir lassen euch demnach, liebe Freunde, in Beziehung auf unsere erste Untersuchung wissen, daß man uns nach unsern Brüdern, Verordneten und Lehrern scharf und streng ausgefragt hat, wer sie seien, wo sie wohnen und wie sie heißen.

Darum bitten wir, lieben Freunde, daß ihr untereinander nicht leicht nach Namen noch Wohnung fragt, denn wenn man in Bande kommt, muss man große Angst deshalb leiden; doch sei dem Herrn ewiges Lob, der unsern Mund bisher bewahrt hat, wiewohl man gedroht hat, uns zu peinigen. Deswegen bitten wir euch freundlich, daß ihr den Herrn ernstlich für uns bitten wollt, auch für alle unsere Brüder, die zu Gent, Antwerpen und an andern Orten gefangen liegen, daß sie der Herr stärken wolle; desgleichen bitten wir euch von Grund des Herzens, daß ihr euch unserer Weiber und Kinder annehmen, und sie in der Furcht des Herrn ermahnen wollt, gleichwie ihr auch wolltet, daß man den eurigen täte; sorgt auch, daß ihr ihre Güter beschützt, so gut als ihr könnt, und wisst, daß wir noch so gesinnt sind, um mit des Herrn Gnade durchzustreiten. Kalleken, Styntgen und Jaentgen, welche beide Töchter beisammen liegen, lassen euch sehr grüßen; ihr Gemüt ist noch ziemlich wohl bestellt. Auch bitten wir euch, liebe Freunde in dem Herrn, daß ihr das Wort des Herrn fleißig untersuchen, und euch untereinander ermahnen wollet, weil ihr noch außer den Banden seid. Mir kommt es so vor, als ob sie die Gemeinde noch sehr zerstreuen werden, indem sie noch sehr nach Blut dürsten, und noch begieriger als der Richter sind, denn eben so wie Jannes und Jambres Mose kräftig widerstanden, so widerstehen diese auch mit Gewalt der Wahrheit; sie beabsichtigen, die ganze Herde zu Meenen zu zerstreuen. Darum halte sich ein jeder so stille, als er kann, und wenn ihr irgendeine Warnung empfangt, es sei mündlich oder auf andere Weise, so nehmt ihrer wahr, denn hätte ich es beobachtet, ich, Wouter Denys, drei oder vier Nächte, ich wäre vielleicht nicht gefangen, wiewohl ich dem Herrn für seine Gnade danke; ich meinte, es würde mich viel mehr betrüben; aber nun erfahre ich wohl, daß der Herr in seinen Werken wunderbar und kräftig ist, welcher die Seinen nicht als Waisen lässt, wofür ich den Herrn nimmermehr genug loben, noch ihm danken kann; auch bittet der Pieter die Gemeinde herzlich, daß man ihm vergeben wolle; denn was er gesagt hat, ist in großer Bestürzung geschehen, worüber auch der Mann außerordentlich betrübt ist und viele Tränen darum geweint hat, daß es so gekommen ist.

Wir bitten euch freundlich, daß ihr uns als Mitgefangene in euer Gebet einschließen wollt, denn das Gebet der Heiligen ist uns jetzt sehr nötig. Nehmt auch unser Schreiben nicht leichtfertig auf, denn wir sind genötigt, dieses zu schreiben; wir sind auch jetzt inbrünstiger, unserer Mitgefangenen zu gedenken, als wir waren, ehe wir in Haft kamen. Wie es mit diesem Schreiben zugegangen, davon berichte ich euch, daß dasselbe mittelst eines Stückes von einem Rechnenpfennig und mit Tinte von Rötel gemacht zu Stande gebracht ist. Ferner, liebe Freunde, bitte ich euch herzlich, daß ihr Ariaenken, mein Weib, ermahnen wollt, denn obgleich es mit ihr so bestellt ist, so hoffe ich doch in dem Herrn, daß sie auf euer Ansuchen mit ihren fleischlichen Freunden nicht in der Dienstbarkeit Ägyptens bleiben soll; ich hoffe das Beste.

Mehr nicht; gehabt euch wohl und bleibt Gott befohlen und dem Worte seiner Gnade.

Geschrieben von mir, Wouter Denys; angefangen den 19. und geendigt den 20., durch des Herrn Gnade, welchem sei Preis und Ehre in Ewigkeit, Amen.