2.428  Ein väterlicher Abschied, Testament und sehr sorgfältiger schriftlicher Unterricht von Henrich Alewynß an seine Kinder.

Der erste Grund der Tugenden, oder Anweisung von dem Anfange der Weisheit in den Kinderjahren.

Hört mich, euern Vater, o meine leibeigenen, zugeneigten, lieben und sehr betrübt gemachten Waisen! Meine drei mutterlosen und auch bald vaterlosen Kindlein von zehn, acht und sechs Jahren alt, die ihr meiner beraubt und dabei ohne Güter seid! Ach Gott! Noch einmal sage ich euch: Ach meine lieben Kinder! Von einer lieben Mutter habe ich euch alle erlangt und erhalten; dieselbe hat auch euch mir treulich anbefohlen in ihrer letzten Stunde, gleichwie mich auch die heilige Schrift lehrt und mir befiehlt, wie ich euch in göttlicher Unterweisung zu guten, geschickten Kindern und Menschen Gottes väterlich auferziehen soll, was ich mit guter Sorgfalt, wie mir gebührt, angefangen, bisher mit Ernst nachgestrebt und auch noch nicht geendigt habe; seht aber, nun ist mir meine Arbeit abgenommen, und ich kann unter diesen Umständen euch fernerhin meine väterliche Liebe und schuldige Zucht nicht länger erweisen; darum habe ich euch nun für die Folge dem Gott des Himmels und meinen Glaubensgenossen und Freunden treulich anbefohlen; ja, ich bin auch versichert, daß euch aus Liebe um Gottes und meinetwillen sehr wohl getan werden wird.

Unterwerft euch doch den Freunden in Gehorsam, als liebe Kinder, dann werdet ihr unter allen Freunden lieb und angenehm werden. Ich habe ihnen die Aufsicht über euch anbefohlen, als ob sie euer Vater und Mutter wären; so seid denn recht gehorsam, fürchtet euch vor Worten, so bedürft ihr keiner Schläge, sonst aber müsstet ihr sehr geschlagen und gezüchtigt werden, wie solches die heilige Schrift will und lehrt, wie ich nachher für euch abschreiben und anführen will.

Meine lieben Kindlein, es ist wahr, sage ich, ihr seid noch zu kindisch, das älteste sowohl, als das jüngste, um die heilige Bibel und auch dasjenige zu verstehen, was ich hier lehren werde, wiewohl ich hoffe, ihr werdet Lust haben oft hierin zu lesen und dem Verstande gemäß zu leben wie ich denn auch hoffe, daß euer Verstand von Tag zu Tag zunehmen wird, daß ihr selbst Gutes und Böses verstehen, und klüglich unterscheiden lernen werdet, welche die rechten Gläubigen, und welche die Ungläubigen sind, welche Kinder Gottes und welche Kinder des Teufels und der Welt sind, wer den Namen Christi mit Recht, und wer ihn mit Unrecht trägt. Darum schreibe ich in solcher Hoffnung, damit ich durch solche Unterweisung meine väterliche Pflicht erfülle, welche euch noch mangelt, denn ich werde euch zu früh entnommen, und kann eure Erziehung nicht vollenden, und gleichwohl kann ich es nicht versäumen, euch, meine lieben Kinder, aus Liebe dieses aus der Ferne darzureichen und zu senden; müsste ich etwa, mit David, in Kurzem den Weg der ganzen sterblichen Welt gehen, so unterrichte, gebiete und rate ich euch, nach meinem Abschiede, wie viele Patriarchen und heilige Väter ihren Kindern geraten haben, daß ihr wohlgemut und getrost sein wollt, in Geduld, daß ihr den Weg des Herrn, seinen Geboten, Rechten, Sitten und dem ganzen Willen Gottes nachfolgt und alles haltet und tut, was recht und gut ist; liebt Ehrbarkeit, Sittsamkeit, Bescheidenheit, Schamhaftigkeit, Tugend und Lob; und alles, was christlich ist und wohl lautet, das tut, und dem denkt nach; dann werdet ihr heilig und christlich sein; dann werdet ihr das ewige Leben und den schönen Himmel haben, und werdet bei Gott und seinen himmlischen Scharen sein, mit allen Auserwählten Gottes in ewiger Ruhe und Freude eurer Seelen; dann werdet ihr euch auch nicht vor dem zweiten Tode, feurigen Pfuhle, ewigen Feuer, Lohn der Sünden, vor der Enterbung aus dem Reiche Christi oder Ausschließung Christi zu fürchten haben.

Meine lieben Kinder, nehmt dieses zu Herzen; sobald als es euer geringer Verstand begreifen kann, seid darauf bedacht, wie ihr aus dem alten widerspenstigen Menschen in den neuen wieder umkehren mögt, damit ihr die himmlische Wiedergeburt aus Wasser und Geist, die Gnade Gottes und rechte Wahrnehmung der Zeit, und den Frieden mit allen Menschen erlangt, wenn ihr solches mit Recht vermögt, gleichwie auch die Heiligung, ohne welche niemand den Herrn sehen, oder in das Reich Christi kommen wird.

Das ist mein sorgfältiger Rat und Befehl an euch, nach meinem Leben, meine lieben Kinder.

Der zweite Punkt, die Kinderzucht.

Seht, meine lieben Kinder, weil ihr noch kindisch an Verstand und jung an Jahren seid, und zur Erkenntnis Gottes noch wenig Fähigkeit habt, so gebe ich euch vorläufig eine Anweisung, wie ihr zum Grunde der Tugend und der Weisheit Anfang gelangen mögt, das ist: Seid fein gehorsam, wenn ihr anders mit Ernst nach der Weisheit ruft und darum bittet, und wenn ihr allen guten Unterricht von denen mit Lust annehmt, die euch das Beste raten; denn seht, Sirach lehrt: Halte dich allein zu gottesfürchtigen Leuten, von denen du weißt, daß sie Gottes Gebote halten, die gesinnt sind wie du, die Mitleiden mit dir haben, wenn du strauchelst; bleibe bei ihrem Rate (er sagt, bleibe bei ihrem Rate), denn du wirst keinen treueren Rat finden, und ein solcher kann oft etwas besser sehen, als sieben Wächter, die oben auf der Warte stehen. Ferner: Wer sich gern unterweisen lässt, bei dem ist gewiss der Weisheit Anfang; ferner: Wer sich gern strafen lässt, der wird verständig werden; wer aber ungestraft sein will, der bleibt ein Narr; ferner: Das Ohr, das die Bestrafung des Lebens hört, wird unter den Weisen wohnen. Wer sich nicht züchtigen lässt, der macht sich selbst zunichte; wer aber die Bestrafung hört, der wird klug; und ferner: Zucht halten ist der Weg zum Leben; wer aber die Strafe verlässt, der bleibt irrig; ferner: Schelten schreckt mehr an dem Verständigen, als hundert Schlage an dem Narren. Seht, meine lieben Kinder, öffnet eure Ohren und nehmt Lehre an, so werdet ihr weise und ehrbar werden, wenn nicht, so werdet ihr unverständig, gottlos, weltlich und im Irrtume bleiben, wie gleich folgt: Wer Zucht oder Lehre fahren lässt, der hat Armut und Schande; wer sich aber gern unterweisen und bestrafen lässt, der wird zu Ehren kommen.

Ferner: Wer sich nichts sagen lässt, der ist schon auf der Bahn der Gottlosen; denn ein Gottloser lässt sich nicht bestrafen, sondern weiß sich mit anderer Leute Exempel zu behelfen in seinem Vornehmen.

Seht, meine lieben Kinder, welche schöne Lehren sind dieses; hier hört ihr den guten Rat, wie ihr zu Tugenden gelangen mögt; solches könnt ihr wohl tun ohne viele Rutenschläge, wenn ihr nur auf Worte achtet, und euer Volk in allem fürchtet, was sie euch gebieten. Seid denen sehr gehorsam, bei welchen ihr wohnt; hütet euch vor eurer bösen angebornen und wilden Art, vor eurer Torheit und Kinderei; unterlasst das, worüber ihr gestraft werdet, sonst müsst ihr immer hart geschlagen werden, denn das gebührt den törichten, stolzen und ungehorsamen Kindern, wie gleich folgt:

Torheit steckt den Knaben im Herzen, aber die Rute der Zucht wird sie von ihm treiben. Ferner: Rute und Strafe gibt Weisheit, aber ein Knabe, sich selbst überlassen, schändet seine Mutter; dann: Wie man einen Knaben gewöhnt, so lasst er nicht davon, wenn er alt wird. Ferner: Laß nicht ab, den Knaben zu züchtigen, denn, wenn du ihn mit Ruten hauest, so darf man ihn nicht töten; du haust ihn mit der Rute, aber du errettest seine Seele von der Hölle; ferner: Hast du Kinder, so ziehe sie, und beuge ihren Hals von Jugend auf. Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib, und verwöhne sie nicht. Ferner: Wer sein Kind lieb hat, der hält es beständig unter der Rute, damit er nachher Freude an ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen, und darf sich seiner nicht schämen bei den Bekannten.

Seht, meine Kinder, solche Bewandnis hat es mit ungehorsamen Kindern, auf solche Weise müssen sie von gottesfürchtigen Eltern auferzogen und unterrichtet werden, die Guten mit Worten, die Bösen mit der Rute; ebenso hat Tobias an seinem Sohne gehandelt; auf gleiche Weise ist Susanna von Jugend auf in der Furcht Gottes auferzogen worden; Abraham wurde es als eine Frömmigkeit zugeschrieben, daß er seine Kinder nach ihm zur Furcht Gottes ermahnen würde.

Summa, dies ist der Schluss: Ihr Kinder, seid euren Eltern in allen Dingen gehorsam, denn das ist dem Herrn gefällig; auch, ihr Eltern, seid nicht bitter gegen sie, damit sie nicht missmutig, scheu oder kleinmütig werden.

Seht, meine lieben Kinder, lernt hieraus, was euch geziemt; seht dabei, welche schwere Last und Schuld der Unterweisung und Züchtigung christliche Eltern wegen ihrer Kinder auf sich haben.

Diejenigen aber, die ihre Kinder in dieser Zucht versäumen und zu gelinde sind, können sich des schrecklichen Exempels und des bösen Lohnes an dem Priester Eli erinnern, der um deswillen durch die Hand Gottes von seinem Stuhle zurückfiel und den Hals brach. Deshalb ist es eine schwere Sache, die Kinder, die stolz von Natur sind, übelartig aufzuziehen, wovon auch Sirach sagt: Wer seinem Kinde zu weich ist, der klagt seine Striemen, und erschreckt, so oft es weint. Ein verwöhntes Kind wird mutwillig, wie ein wildes Pferd; zärtle mit deinem Kinde, so musst du dich nachher vor ihm fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich nachher betrüben; scherze nicht mit ihm, damit du nachher nicht mit ihm trauern müssest, und zuletzt deine Zähne kirren müssen. Laß ihm seinen Willen nicht in der Jugend, und verschone oder entschuldige seine Torheiten nicht. Beuge ihm den Hals, weil es noch jung ist; bläue ihm den Rücken, weil es noch klein ist (er sagt: Bläue ihm den Rücken), damit es nicht halsstarrig und dir ungehorsam werde. Ziehe dein Kind und laß es nicht müßig gehen, daß du nicht durch dasselbe zu Schanden werdest. Seht, welch einen wichtigen Befehl hat der Gläubige über seine Kinder, und auch über die, die ihm wie seine eigenen Kinder unbefohlen sind. Darum, liebe Schäflein, erduldet die gute Züchtigung, und fürchtet euch vor den Worten, so braucht ihr die harte Grausamkeit nicht auszustehen, sonst müsst ihr sie aber ausstehen, wie ihr gehört habt.

Seht hierin, meine Kinder, in dieser angeführten, heiligen Zuchtlehre habe ich mich meiner Pflicht gegen euch entledigt, ich ermahne euch überhaupt hierin, daß ihr nicht allein in eurer Jugend, sondern auch fernerhin in euren verständigen Jahren dem Rate der Weisen und Frommen gehorchen wollt, und allezeit die Christen liebet, die lieben Kinder Gottes, die heilige Gemeinde, die von allen Völkern für eine Sekte gehalten werden, weil sie so fest auf den lebendigen Gott hoffen. Diesen lebendigen Gott der Gläubigen lernt früh kennen in der Schrift, denn wer zu Gott kommen will (sagt der Apostel Paulus), der muss glauben, daß er sei, und daß er auch ein Vergelter derer sei, die ihn durch die enge Pforte auf dem schmalen Trübsalswege so sauer suchen.

Kurze Anweisung von Gott, um Ihn an seinen beschriebenen Namen, seiner Herrlichkeit, seiner Hände Werk, seinen Wundertaten, seiner Stimme, Allmacht, Allwissenheit kennen zu lernen, daß er ein schrecklicher Feind seiner Feinde, aber auch eine treue Nothilfe der Frommen ist, und dergleichen mehr.

Merkt doch, meine einfältigen Kinder, dieser ist eures Vaters Gott, der Gott aller Gläubigen von Anfang der Welt bis hierher gewesen, der Gott Abels, der Gott Noahs, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs, Israels, der Gott Jesu Christi und aller Heiligen. Dieser ist der Gott, der nicht von jemandem oder von irgendeines Menschen Händen gemacht oder geehrt worden ist, sondern der Gott, der von Ewigkeit und vor allen Dingen war, und ewig sein wird, der Gott, von welchem und durch welchen alle Dinge geschaffen und gemacht sind; ja, Himmel, Erde, Meer, und alle Werke, welche darin sind, durch sein Wort, seinen Geist und seine Allmacht. Dieser unser Gott ist gut den Guten und sehr erschrecklich seinen Feinden. Derselbe ist gewaltig über alle Reiche und Königreiche, und ist ein Herr aller Herren. Dem Herrn ist niemand gleich. Du bist groß, und groß ist dein Name, und du kannst es mit der Tat beweisen. Wer sollte dich nicht fürchten, du König der Heiden? Man sollte dir ja gehorsam sein. Sein Name ist Herrscher, Herr, Herr Zebaoth, Abrahams, Isaaks, Jakobs, und der Väter Gott, das ist sein Name. Sein Name ist: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, ewiger Vater und Friedensfürst; seine Herrschaft ist auf Ihm ewiglich. Sein Name heißt Immanuel, das ist, Gott mit uns. Man kann seinen Namen unmöglich ganz aussprechen, und darum wird er auch genannt: Jehova, Schaddai, Adonai, und auf andere Weise, damit sein unmöglicher, ungenannter und unaussprechlicher hoher Name desto vollkommener sei; außerdem wird er noch genannt: Gerecht, barmherzig guter Gott, Wahrheit, Licht, rechte Hand, heiliges verzehrendes Feuer.

Seht, meine lieben Kinder, hier habt ihr von eures Vaters Gott gehört, von seiner Ewigkeit, der ohne Anfang und Ende ist, von seinen herrlichen hohen Namen in der heiligen Schrift; so wollen wir denn nun ferner reden von seiner herrlichen, unbegreiflichen, unermesslichen Größe, Herrlichkeit und Unsichtbarkeit, von seiner göttlichen Gestalt, Form und seinem Bilde, denn Gott ist ein Geist. Denkt, wie groß der sein müsse, dessen Stuhl der Himmel, die Erde aber sein Fußschemel ist. Er sieht, er hört, und ist überall, denn so spricht er durch Jeremia, bin ich nicht ein Gott, der nahe ist, und auch fern? Meint ihr, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehen sollte? Bin ich es nicht, der alles erfüllt, den Himmel und die Erde, spricht der Herr. Und an einem andern Orte bezeugt die Schrift: Er umfasst die Himmel mit der Spanne. Als er wandelte, so regten sich die Berge und die Grundfesten der Erde bebten. Wenn er sich zeigt oder hören lässt, so erregt er Furcht und Schrecken unter allen Menschen, wie man 2Mo 3 liest, daß der Dornbusch wie eine Feuerflamme zu brennen schien, als er Mose zu sich rief, und ihn zum Fürsten über Israel machte, um sie aus Ägypten zu führen. Und abermals: Als Mose auf dem Berge Sinai mit Gott redete, wo er das Gesetz empfing, so rauchte der Berg, denn der Herr war herniedergefahren auf den Berg mit Feuer, und sein Rauch ging auf, wie der Rauch von einem Ofen, daß der ganze Berg sehr bebte, und der Posaunenklang wurde immer stärker mit Donner und Blitz, wovor das Volk erschrak. Selbst Mose erschrak und bebte; niemand durfte den Berg anrühren. Niemand konnte seine Stimme ertragen, ausgenommen Mose, und das doch mit Schrecken. In solcher Weise zeigt sich Gott (sagt Mose), damit ihr seine Furcht vor Augen haben und nicht sündigen mögt. So sagt denn Mose mit Recht: Der Herr euer Gott ist ein Gott aller Götter, ein Herr über alle Herren, ein großer Gott, mächtig und schrecklich, der keine Person ansieht, noch Geschenke annimmt.

Seht, meine lieben Kinder, dieser große Gott ist würdig, daß man ihn allein fürchte, der Leib und Seele töten kann. Sirach sagt: Sieh, der ganze Himmel allenthalben, das Meer und die Erde beben, Berg und Tal zittern, wenn er sie heimsucht; sollte er denn in dein Herz nicht sehen? Ferner: Gott ist ein Zeuge über alle Gedanken, und erkennt alle Herzen gewiss, und hört alle Worte, denn der Weltkreis ist voll von dem Geiste des Herrn (er sagt, der Weltkreis ist voll von dem Geiste des Herrn), und der die Rede kennt, ist allenthalben; darum kann der nicht verborgen bleiben, der Unrecht redet. Ja, meine lieben Kinder, er weiß, wer Ihm zum Scheine und vor den Augen, oder mit aufrichtigem Herzen dient, denn die Weisheit Gottes ist groß, und er ist mächtig (sagt Sirach) und sieht alle Dinge, und seine Augen sehen auf diejenigen, die Ihn fürchten, und er weiß auch wohl, was Recht getan oder Heuchelei sei; ich sage: Er ist würdig, daß man Ihn fürchte, sein Gesetz wohl bewahre, seine Liebe ausübe, und vor Ihm sehr klein und demütig sei. Das ist es auch, was er von seinem Volke fordert; lest Mi 6, auch in Moses Gesetze und dem Evangelium Christi. Denn er will Gehorsam und nicht Pracht und Augenbetrug der Opfer, wie wir an Saul ein Exempel haben. Wollt ihr mich denn nicht fürchten (sagt der Herr), der ich dem Meere den Sand zum Ufer setze, davor es bleiben muss?

Ach, ach, liebe Kinder! Wie gut ist diese Furcht des Herrn, denn sie ist der Weisheit Anfang; sie ist die Wurzel der Weisheit, und ihre Zweige grünen ewiglich.

Diese Furcht des Herrn treibt die Sünde aus, denn wer ohne Furcht ist, der kann nicht gerechtfertigt werden; denn durch die Furcht des Herrn meidet man das Böse. Den Herrn fürchten ist eine Quelle des Lebens, dadurch meidet man die Stricke des Todes, denn die den Herrn fürchten, meine Kinder, gehen auf der rechten Bahn; wer sich aber nicht fürchtet, oder Ihn verachtet, der weicht von seinem Wege.

Hieran, und so auch an dem eitlen Ruhme und Wahne der Furcht Gottes, könnt ihr die Furcht Gottes erkennen und wahrnehmen, und welche gottesfürchtig seien oder nicht.

Lest, welche die wahren Gottesfürchtigen sind: Ps 1; 2; 119; 120; Sir 2,18; 15,1; 16,1; 32,24. Darum ist die Furcht Gottes die Hauptsumme und der Inhalt aller Bücher. Lest Pred 12,13. Gleichwie ihr nun etwas von der hohen Herrlichkeit Gottes gehört habt, welche wohl wert ist, daß man sich davor fürchtet, so will ich nun auch darüber euch etwas mitteilen, daß er auch ein unsichtbarer, schrecklicher und unerbittlicher strenger Rächer und Feind seiner Feinde, dagegen aber auch ein treuer Nothelfer seinen bedrängten Freunden sei, wie geschrieben steht im 2Mo: Ich bin der Herr dein Gott, ein eifriger Gott, der der Väter Missetat an ihren Kindern heimsucht bis ins dritte und vierte Glied derer, die mich hassen; und abermals: Ich tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich lieb haben und meine Gebote halten, sagt er. Seht auch Gottes Wunderwerk in Ägypten an Pharao, der den Kindern Israel Leid antat, wie ihnen Gott, um deswillen auch wieder Leid zufügte, und ihr Land mit vielem Missgeschick plagte, wie Gott zuletzt seinem Volke daraus geholfen, ihnen einen trockenen Durchgang durchs rote Meer verschafft, und mit einer dunkeln Wolkensäule sie von Pharao unterschieden und beschützt habe, den Pharao aber mit seiner Menge durch ein himmlisches Geräusch in der Luft erschreckt, und sie alle im roten Meere ertränkt habe, als ein Gott von großer Macht.

Als nun Israel durch das rote Meer und in der Wüste war, kam der König Amalek, ihnen Leid anzutun, dem widerstand Gott selbst, doch durch Josua, sodass der Feind mit den Seinigen geschlagen und zu Grunde gerichtet wurde. Desgleichen stritt Gott noch einmal zu Josuas Zeiten mit Hagelsteinen; Israel aber mit dem Schwerte, Sonne und Mond standen still zum Dienste den ganzen Tag; der Streit währte lange; ja, Gott hat auch vom Himmel wider Sifera gestritten, und die Sterne stritten in ihrem Laufe. Auch zu einer andern Zeit, als Samaria von den Syrern belagert wurde, stritt Gott für Samaria, und erschreckte die Feinde durch ein Geräusch in der Luft während der Nacht, wie von Degen, Reitern und Scharen, sodass sie flohen und alles zurückließen.

Ebenso liest man auch von Serach, dem Mohren und den tausend mal tausenden seines Volks, von denen nicht einer davon gekommen ist; ebenso auch die Kinder Ammon und Moab aus Syrien, die Israel verfolgten; Gott stritt für Israel, Israel aber stand still, und Gott bewirkte, daß sich die Feinde untereinander zu Grunde richteten.

Ebenso liest man auch von Gideon, Gott bewirkte, daß der Feinde, der Midianiten, Schwerter gegeneinander stritten, wodurch sie sich, durch Gottes Schickung, selbst zu Grunde richteten.

Seht, meine lieben Kinder, welch ein unsichtbarer schrecklicher Feind seiner Feinde, und ein treuer siegreicher Verteidiger seiner Freunde er sei, denn, wenn sein Volk in den Streit zog, mit Gottes Verwilligung, selbst wenn sie weder Bogen, Pfeil, Schild noch Schwert hatten, so stritt Gott für sie und erhielt das Feld.

Niemand konnte diesem Volke Schaden tun, ausgenommen, wenn sie von den Geboten des Herrn, ihres Gottes abwichen; alsdann übergab sie Gott den Händen des Feindes. Wir haben einen Gott der hilft, und einen Herrn Zebaoth, der von dem Tode erlöst; auf solche Weise rühmen die Heiligen die Hilfe Gottes. Als das Volk Gottes vormals von bösen Völkern und Königen mit Krieg überzogen wurde, und mit Vertrauen diesen ihren Gott um Beistand anrief, sieh, da sandte ihnen Gott nur einen Engel zu Hilfe, derselbe konnte alles bewirken, und wich nicht vor Tausenden. Lest 2Kön 19,35; Jes 37,36. Ferner lest 2Makk 11,10. Auch liest man von den fünf Engeln Gottes, die mit goldenen Zäumen zu Pferde stritten, und welches große Werk sie ausrichteten, lest 2Makk 10,29. Nach Sodom sandte Gott zwei Engel, die Bösen zu verderben und die Guten zu bewahren. Hiervon lest 2Makk 12; Ri 7,22; 1Sam 14,20; 17,52; 2Chr 20,23.

Seht, meine lieben Kinder, die Treue Gottes für sein Volk und seine Rache an den Bösen, wie ihr gehört habt, findet man in unzähligen Beispielen; auch findet man eine Menge Beispiele in der heiligen Schrift, welche uns zur Stärkung hinterlassen sind, damit wir auf denselben Gott hoffen, um seinetwillen leiden und ihm gehorsam sein möchten. Doch muss man solches mit Berücksichtigung der Zeiten von den früheren Kriegshändeln Israels verstehen, denn die Rache wider die Feinde, das Kriegen und Töten zur Zeit des Gesetzes, und auch früher, ist damals im alten Testamente mit Gottes Willen, Gebote, Erlaubnis und auch mit seiner Hilfe geschehen; aber jetzt, unter dem Evangelium im neuen Testamente, muss es nicht so sein, und ist von Christo klar mit Worten und Exempeln verboten, welcher Gott und Gottes Sohn selbst ist, dessen Wort man hören soll. Verboten ist es, sage ich, klar und deutlich genug, und zwar ist es nicht von Menschen verboten, sondern von Gott selbst; jede Rache ist den Seinen versagt und verboten; darum müssen sie Gott alle Rache übergeben und anbefehlen, und dem Bösen nicht widerstehen, sondern müssen demjenigen, der ihnen den Mantel nimmt, auch den Rock geben, und dem, der sie auf den einen Backen schlägt, den andern auch darbieten, und dergleichen; ja, die Feinde lieben, für ihre Verfolger bitten, vor ihnen weichen, aus der einen Stadt in die andere fliehen. Solche nun, welche so bedrängt werden, sollen selig sein und von Gott reichen Trost des ewigen Lebens empfangen. Summa, gar nicht streiten, und doch noch streiten, aber nicht mit Eisen, Stahl, Stein, Holz oder mit irgend körperlichen Handgewehren oder Waffen, sondern mit geistigen Waffen, die mächtig vor Gott sind. Lest, meine Kinder, ausdrücklich und klar Eph 6, welche Waffen und Krieg die Christen jetzt führen; jetzt haben die Christen einen andern Krieg, denn, merkt, die Weissagung, die von dieser Zeit redete, ist nun erfüllt, daß nämlich solche Leute ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln gemacht haben, von ihren Werken ruhen, den geistigen Sabbat recht feiern; darum sollen die Christen jetzt nicht kriegen; ich weise euch nur an die früheren Kriege und die Nothilfe Gottes, euch damit die erschrecklichen Taten Gottes vorzustellen und zu erkennen zu geben, damit ihr Ihn erkennen, fürchten und Ihm gehorsam zu sein lernt. Ihm, vor welchem die Erde bebt und die Berge zittern, denn es werden diejenigen, welche Worte, Willen und Gebote ungehorsam sind, vor seinem Angesichte keinen Schlupfwinkel finden können, wenn Er mit seinen Engeln und seiner Feuerflamme erscheinen wird, um an allen Ungehorsamen Rache auszuüben.

Darum, meine Kinder, lernt doch die Sünde erkennen und meiden, denn um der Sünde willen müssen die Seelen in Ewigkeit verdammt werden.

Was die Sünde sei, und wodurch die Sünde sündig geworden sei, was der Sünden Lohn vor Gott sei und sein werde, oder wie Gott die Sünder dermaleinst strafen werde.

Was die Sünde sei, solches weist die heilige Schrift klar nach. Der Prophet Samuel sprach zu Saul, als er des Herrn Gebot gebrochen hatte: Ungehorsam ist eine Zaubereisünde (merkt, Sünde); Johannes sagt: Alle Ungerechtigkeit ist Sünde; Jakobus sagt: Wer Gutes zu tun weiß, und tut es nicht, dem ist es Sünde (merkt, was Sünde sei); Paulus sagt: Was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde.

Aus diesem und dergleichen, meine Kinder, lernt die Sünde erkennen, wie Paulus sagt: Das Gesetz lehrt Erkenntnis der Sünden; ohne das Gesetz erkannte ich die Sünde nicht, das Gesetz macht, daß die Sünde über die Maßen sündig sei, denn wenn es sagt, laß dich nicht gelüsten, so nimmt daraus die Sünde ihre Entstehung, und erweckt in uns allerlei Begierde. Daraus erkennt man denn, wodurch die Sünde sündig geworden sei, nämlich durch Gottes Gebot und Verbot.

Wer nun die Dinge übertritt, die er geboten hat, der tut Sünde; solches wird auch Sünde genannt und in beiden Testamenten als Sünde genugsam gestraft. Der Baum der Erkenntnis war Adam nicht unrein, ohne durch das Gebot, die Übertretung ward ihm zur Sünde gerechnet. Von der Strafe der Sünden lest 1Mo 3,14. Die heidnischen Jungfrauen und Weiber waren den Juden nicht unrein, als durch Gottes Gebot, welches das nicht haben wollte. Von der Strafe lest Ri 3; 4Mo 25. Das Heiligtum oder die Arche Gottes, die doch rein war; dazu war kein Geschlecht unrein, sie anzurühren oder zu tragen, als durch das Gebot Gottes. Die Götter der Heiden waren Israel nicht unrein, als durch das Verbot und das Verbannen Gottes und durch die Strafe, wie auch durch das Gebot und die Strafe.

Seht, so könnt ihr wahrnehmen, wodurch die Sünde, zuerst zur Sünde geworden sei, nämlich durch das Gebot und die Übertretung des Gebotes. Worüber man kein Gebot hat, daran kann man nicht sündigen, denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Die Sünde oder das sündliche Treiben war wohl in der Welt, aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht. Nun, liebe Kinder, lerne die Sünde meiden wie das Feuer, sobald ihr sie erkennt, denn wenn ihr zur Sünde geht, so wird sie euch aufnehmen; aber ihre Bisse und Wunden sind böse und unheilbar.

So lernt denn ferner verstehen, was von der Sünde kommt und was ihr Lohn sei, nämlich die Verdammnis und der Tod. Sie ist eine Feindschaft wider Gott, weil sie dem Gesetze Gottes nicht Untertan ist. Darum hört ferner die schreckliche und ungnädige, grausame Strafe Gottes über die Sünden und Sünder, welche geschehen ist und noch geschehen wird. Habt Acht darauf, meine lieben Kinder, habt doch Acht, rate ich euch, so lieb euch eure Seelen sind, auf diese sonderbare, ewige Strafe der Sünde und Sünder. Also spricht der Herr: Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin still, und enthalte mich, aber nun will ich wie eine Gebärerin schreien; ich will sie verwüsten und alle verschlingen. Wer ist unter euch, sagt er, der es zu Ohren nehme, der aufmerke und höre, was nachher kommt? Des Herrn Tag kommt grausam, zornig, grimmig, das Land zu zerstören und die Sünder daraus zu vertilgen, denn es ist der Tag der Rache des Herrn, und das Jahr der Vergeltung, um Zion zu rächen; da werden ihre Bäche zu Pech werden und ihre Erde zu Schwefel, ja, ihr Land wird zu brennendem Pech werden, das weder Tag noch Nacht erlöschen wird. Dieses zukünftige Unglück, Gottes Strafe und gerechtes Urteil ist auch vor sehr langer Zeit vorhergesagt und verkündigt worden, denn Enoch, welcher der Siebte von Adam auf Erden war, hat gesagt: Siehe der Herr kommt mit vielen tausend Heiligen, um über alle Gericht zu halten, und alle ihre Gottlosen zu strafen, um alle Werke ihres gottlosen Wandels, wodurch sie gottlos gewesen sind, und um alles das Harte, das die gottlosen Sünder wider Ihn geredet haben.

Merkt, daß Gott droht, und zuvor genug warnt, wie Assur geschehen: Wehe dir, Assur, der du die Ungerechten bei dir verbirgst; o arges Volk, sei eingedenk, was ich Sodom und Gomorrha getan habe, deren Land in Pech und Aschenhaufen liegt; ebenso will ich auch die strafen, welche mir nicht gehorcht haben, spricht der Herr, der allmächtig ist. Des Menschen Sohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reiche alle Ärgernisse und die da Unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen. Dann wird der Herr zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln, denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Seht, meine lieben Kinder, so wird es dort denen ergehen, die solches hier nicht zeitlich achten, weil sie reich, satt und fröhlich sind, denn Christus sagt: Wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin, wehe euch, die ihr voll seid, denn euch wird hungern, wehe euch, die ihr hier lacht, denn ihr werdet noch weinen und heulen; wehe euch, wenn euch jedermann wohl redet. Als sie lebten, sagt Esra, und Gottes Wohltaten empfingen, erkannten sie dieselben nicht; sie verachteten seinen Rat, und nahmen der Buße nicht wahr, als sie Zeit dazu hatten; darum müssen sie es nach dem Tode in der Pein erkennen; und als wir lebten, bedachten wir nicht, wenn wir Unrecht taten, daß wir nach dem Tode dafür leiden müssten, denn der Tod ist der Sünden Sold. Du aber, nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes, welcher einem jeden nach seinen Werken geben wird, nämlich Preis und Ehre und unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten; aber denen, die zänkisch sind, und nicht der Wahrheit, sondern der Ungerechtigkeit gehorchen, Ungnade und Zorn, Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun.

Merkt noch einmal darauf, meine lieben Kinder, in welche Gefahr unser böses Fleisch uns hier stürzt und die Seele tötet; von der Lust und den Fleischeswerken kommt ewiges Trauern und Verlust des Himmels, wie Paulus Gal 5,16 sagt: Wandelt in dem Geiste, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen, denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch, diese sind wider einander, damit ihr nicht tut, was ihr wollt. Die Werke des Fleisches aber sind diese: Ehebruch, Unkeuschheit, Unreinigkeit, Wollust, böse Begierden; er führt deren noch mehrere an und setzt hinzu, daß diejenigen, die solches tun, das Reich Gottes nicht besitzen noch ererben werden. Alsdann wird niemand frei ausgehen vor der Rache Gottes, er erkenne Gott, oder kenne Gott nicht; ist er dem Evangelium ungehorsam gewesen, so muss er Gottes Strenge ertragen; denn Paulus sagt: Wenn der Herr Jesus sich samt den Engeln seiner Kraft und mit Feuerflammen vom Himmel offenbaren wird, um Rache an denen zu üben, die Gott nicht erkennen und dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi nicht gehorsam sind, (merkt) welche Pein leiden werden und das ewige Verderben, vor dem Angesichte des Herrn und vor seiner herrlichen Macht, wenn er kommen wird, daß er herrlich erscheine mit seinen Heiligen und wunderbar mit allen Gläubigen.

Dem Evangelium ungehorsam zu sein, verdient keine geringe Strafe; denn wer das Gesetz Moses übertrat, welches doch in seiner seligmachenden Wirkung geringer ist als das Evangelium, der musste ohne Barmherzigkeit durch zwei oder drei Zeugen sterben, wie Paulus sagt; aber um wie viel ärgere Strafe wird wohl der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt, und das Blut des Testaments unrein achtet, durch welches er geheiligt ist, und den Geist der Gnaden schmäht; diese erwartet ein erschreckliches Gericht und der Feuereifer, der die Widerwärtigen verzehren wird. Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen, denn Gott ist ein verzehrendes Feuer. Wir kennen den, der sagt: Die Rache ist mein, ich will vergelten. Seht, weil nun das Evangelium so groß an Würde und reich in seiner seligmachenden Kraft ist, so verdient auch der eine größere Strafe wegen seiner Missetat und Undankbarkeit, der sich dessen weigert, es missbraucht und übertritt, wie Paulus von Christo sagt: Seht zu, daß ihr euch dessen nicht weigert, der da redet; denn wenn jene nicht entflohen sind, die sich weigerten, als er auf Erden redete, wie viel weniger wir, wenn wir uns dessen weigern, der vom Himmel redet, dessen Stimme zu der Zeit die Erde bewegte.

O meine Kinder, diese evangelische Zeit, worin wir jetzt sind, ist eine sehr teure, werte und angenehme Zeit, wie auch der Herr oft im Evangelium selbst bezeugt, als: Wären zu Tyrus und Sidon solche Taten geschehen, warum urteilt ihr denn die angenehme Zeit nicht über euch? Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr seht. Jesus sagt: Jerusalem soll verwüstet werden (um der Sünde willen), weil es die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt hat.

O meine guten Kinder! Lernt doch Gutes und Böses voneinander unterscheiden; lernt doch die böse Welt kennen, die da meinen, daß sie heilige Menschen, Christen und Gläubige Gottes seien, und doch des Teufels Schule sind, davon gibt ihr ganzer Geist, Leben und ihre Bosheit Zeugnis und Beweis, welche um ihrer Bosheit willen den Glanz der Frommen nicht ertragen, noch an ihnen leiden können; aber der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen, die Bösen aber und Ungerechten zu behalten, um sie auf den Tag des Gerichtes zu peinigen, vorzüglich aber die, welche nach dem Fleische in der unreinen Lust wandeln. Was nun Gott mit solchen im Sinne habe, hat er uns an den Sündern aus den früheren Zeiten bewiesen, indem Gott die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern sie mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen und übergeben hat, damit sie zum Gerichte behalten würden, und der Vorwelt nicht verschont, sondern Noah, den Prediger der Gerechtigkeit mit sieben andern bewahrte, und die Sündflut über die Welt der Ungerechten führte, indem er die Stadt Sodom und Gomorrha zu Asche gemacht, umgekehrt und verdammt, und dadurch den Gottlosen, die nachher kommen würden, ein Exempel gegeben hat.

Hieraus könnt ihr wahrnehmen, daß Gott weder der Engel noch der ganzen Welt schont, obschon ihrer so viele und sie hochgeachtet und erwählt waren; so ist es oft dem großen Haufen ergangen, denn die Gottlosen sind darum nicht besser, wenn ihrer auch viele sind, wie auch Sirach sagt: Verlass dich nicht darauf, daß der Haufe groß ist, mit denen du übel tust, sondern denke, daß dir die Strafe nicht fern sei. Darum demütige dich von Heizen, denn Feuer und Würmer ist die Rache über die Gottlosen; denn gleichwie einer, der mit wilden Tieren umgeht, von ihnen gerissen wird, so geht es auch dem, der den Gottlosen anhängt, und sich in ihre Sünden mengt. Ein Kind, das den Herrn fürchtet, gefällt ihm besser als tausend Gottlose; darum verlasse sich niemand darauf, daß er viele seinesgleichen hat im Bösen, rühme dich auch nicht der Barmherzigkeit Gottes vor deiner Bekehrung, denn wenn Gottes Feuer und Strafe anbrennt, so verzehrt es alle Bösen, Groß und Klein. Seht, das Feuer verbrannte den ganzen Haufen der Gottlosen, und der Zorn ging an über die Ungläubigen. Er verschonte der Riesen nicht, die mit ihrer Stärke zu Boden fielen; er verschonte auch nicht derer, bei welchen Lot ein Fremdling war, sondern verdammte sie um ihres Hochmutes willen, und verderbte das ganze Land ohne alle Barmherzigkeit, die es mit Sünden überzogen hatten. Auf solche Weise hat er wohl 600 000 hinweggerafft, weil sie ungehorsam waren; wie sollte also ein einziger Ungehorsamer ungestraft bleiben? Denn er ist wohl barmherzig, aber er ist auch zornig, und lässt sich versöhnen, und straft auch gräulich. So groß seine Barmherzigkeit ist, so groß ist auch seine Strafe, und richtet einen jeden, wie er es verdient. Der Gottlose wird mit seinem Unrecht nicht entgehen, und des Frommen Hoffnung wird nicht ausbleiben. Seht, vor Gott gilt ein großer Haufe wenig; wer sündigt, muss sterben, denn ein stolzes Herze ist dem Herrn ein Gräuel, und wird nicht ungestraft bleiben, wenn sie sich auch alle aneinander hängen. Ferner: Die Rotte der Gottlosen ist wie ein Haufen Wergs, das durch Feuer verzehrt wird. Die Gottlosen gehen zwar auf einem feinen Pflaster, dessen Ende aber der Höllen Abgrund ist. Deshalb hat die Hölle ihren Rachen weit aufgesperrt, daß Groß und Klein, ihre Herrlichen und ihr Pöbel hinunterfahre. Viele sind berufen, aber wenige auserwählt. Die Pforte ist weit und der Weg breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind ihrer, die darauf wandeln. Dennoch sage ich: Der größte Haufe wird verdammt und verloren sein, dies ist klar und nicht zu leugnen.

Liebe Kinder, wer Gott weder fürchtet, noch an ihn glaubt, der achtet auch solche gewisse Zusage und grausame Bedrohung nicht; wie auch die Schrift sagt: Solch Drohen ist von den Augen zu sehr entfernt, und wenn ein ruchloser Mensch solches hört, so bleibt er doch bei seiner Torheit und seinem Irrtume. Deshalb sagt auch Salomo ganz richtig: Weil über die bösen Werke nicht sofort ein Urteil gefällt wird, so wird das Herz der Menschen voll Böses zu tun, und wenn ein Mensch hundert Mal Böses tut, und doch lange lebt, so weiß ich doch, daß es denen wohl gehen wird, die Gott fürchten. Ich schweige wohl eine Zeitlang, sagt der Herr, und bin still, und enthalte mich; nun aber will ich wie eine Gebärerin schreien; ich will sie verwüsten und alle verschlingen. Wenn das Kind zur Geburt kommt, dann werden die Schmerzen keinen Augenblick feiern; ebenso wird kein Unglück verziehen, auf Erden zu kommen, und die Welt wird seufzen, und Leid wird sie umfangen.

Ach, ach, wohl dem, der sich allezeit fürchtet; wer aber eines harten Herzens ist, wird in Unglück fallen, wie zur Genüge gehört worden ist. Merkt hier auf die Langmut Gottes gegen die Sünder, doch hat er sie endlich noch gestraft. Paulus sagt ganz richtig: Gott lässt nicht mit sich spotten. Meinst du, daß ich allewege schweigen werde, spricht der Herr, daß du mich so gar nicht fürchtest. Ich will aber deine Gerechtigkeit anzeigen und deine Werke, daß sie dir kein nütze sein sollen. Wenn du rufen wirst, so laß dir deine Haufen helfen; aber der Wind wird sie hinwegführen, und Eitelkeit wird sie wegnehmen. Die heilige Schrift sagt mit Recht, daß unser Gott ein verzehrendes Feuer sei; was aber Feuer sei, davon lest Jes 10,16, Joel 3,3; Nah 3,15; Sach 11,1. Manasse sagt mit Recht: Gott, dein Zorn ist unerträglich, womit du den Sündern drohst. Ebenso sagt auch Nahum von dem erschrecklichen Zorne Gottes: Die Berge zittern vor Ihm, und die Hügel zergehen; das Erdreich bebt vor Ihm, dazu der Weltkreis und alle, die darin wohnen. Wer kann vor seinem Zorne bestehen (und wer kann vor seinem Grimme bleiben), sein Zorn brennt wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor Ihm. Micha sagt: Der Herr wird ausgehen aus seinem Orte, und herabfahren, und auf die Höhen im Lande treten, daß die Berge unter ihm schmelzen und die Täler zerreißen werden, gleichwie Wachs vor dem Feuer schmilzt, wie die Wasser, die unterwärts fließen. Das alles um der Übertretung willen Jakobs und um der Sünden willen des Hauses Israel. O wer könnte genug von solchen Schriftermahnungen schreiben. Wahrlich, meine lieben Kinder, seht, wer die heilige Schrift, die Bibel, für das gewisse Zeugnis, Wort und den Ausspruch Gottes erkennt, und alles dasjenige glaubwürdig achtet, was darin von Gott steht, und insbesondere von seiner treuen Warnung vor allen Sünden, von dem verheißenen Lohne der Übertretung, von den Exempeln seiner Sündenstrafe, die viele betroffen hat, und von allen strengen und teuern Eiden, worin er den Unbußfertigen sein Reich abgesagt hat, wie zuvor zum Teile gemeldet worden ist, und worüber im weiteren Verlaufe ein kurzer Bericht gegeben werden soll, der, sag ich, mag sich wohl vor Gott entsetzen, Haut und Haar seines Hauptes mag ihm wohl schaudern mit David; sein Lachen mag und wird sich wohl in Weinen verwandeln, bis daß er Frieden mit Gott erlangt, wenn anders nur ein Tropfen von der Furcht Gottes und dem Glauben an sein Wort in dem Innersten seines Herzens ist. Zunächst werde ich von Gottes Warnung vor den Sünden reden.

Doch ja, meine lieben Schäflein, die Zeit wird mir nun benommen, um dieses ferner nach dem Vorsatze und Entwurfe auszuführen, wiewohl es fast am Ende ist; aber ich dachte, dieses zu verbessern und mit trefflichen Buchstaben besser abzuschreiben; doch ist es nun getan; ich muss und will mich nun von allem scheiden, und zum sterben bereit machen, da mein Tod (wie mich dünkt) nach vier Tagen erfolgen wird. Seht, meine lieben Kinder, ich bin darüber fröhlich und guten Muts in dem Herrn, und hoffe meines Leibes um der Wahrheit willen nicht zu schonen, sondern denselben zu einem Opfer zu geben, das lebendig, heilig und Gott zum Gottesdienste wohlgefällig ist, auch hoffe ich, durch Gottes Gnade, daß ich euch, meine lieben Kinder, als ein Vater, sowohl in meinem Leben als im Sterben, mit einem guten Beispiele vorangegangen sei; wenn ihr zu Verstande kommt, so nehmt es wohl zu Herzen, und folgt also Christo nach mit mir, wie er uns in allem Leiden und aller Helligkeit vorgegangen ist, dann werden wir wieder zusammenkommen, und das immer und ewiglich im Himmelreiche, in den ewigen Freuden.

Meine lieben Kinder, wenn ihr auch nicht zusammen wohnt, so habt doch einander um desto lieber und erweist eure Liebe untereinander, worin ihr könnt; es sei durch Grüße oder lehrreiche Briefe; schreibt auch dieses Büchlein dreimal ab; für jedes von euch eins.

Zunächst sende ich es dir, mein lieber Sohn Alewyn Henrich, weil du der Älteste bist. Überlege es, was ich dir zur Lehre geschrieben habe; teile es auch deinen Schwestern mit. Nun, gute Nacht, zum ewigen Abschiede, meine drei Waislein.

Geschrieben von mir, Henrich Alewynß, eurem lieben Vater.