2.412  Noch ein Brief, welchen Jan Thielemanß aus dem Gefängnisse geschrieben hat.

Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes wünsche ich meinen sehr geliebten Brüdern und Schwestern in dem Herrn zu einem freundlichen und würdigen Gruße, und allen denen, welche meine Schriften sehen, lesen oder hören werden; nehmt es in Liebe an, Amen.

Nebst gutem und geziemendem Gruße habe ich unternommen, ein wenig an euch zu schreiben, meine werten und geliebten Freunde; ich bitte euch alle, um der Barmherzigkeit unseres lieben Herrn Jesu Christi willen, daß ihr eurer selbst in allerlei Liebe, Frieden und Wahrheit, nach den Worten des Evangeliums fleißig wahrnehmen wollt, indem ihr werten und lieben Kinder noch Zeit habt vor dem Herrn, durch seine große Liebe, die er an euch bewiesen hat, denn die Zeit ist köstlich; wenn sie aber einmal vorbei ist, und man hat nicht wohl zugesehen, so wird es mit Betrübnis beklagt. Darum sagt Paulus: »Lasst uns unser selbst wohl wahrnehmen zur Aufmunterung in der Liebe in guten Werken.« Darum lasst uns die Geringsten, Kleinsten und Demütigsten sein, um alles zu ertragen, was mit der Wahrheit und Liebe bestehen kann. Als Christus Jesus, die ewige Wahrheit selbst, von den Jüngern gefragt wurde, wer unter ihnen der Größte wäre, nahm derselbe ein Kind, setzte es mitten unter sie und sagte: »Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.« Aus diesen Worten Christi ist wohl zu merken, daß wir ein zubereitetes Volk sein sollen und sein müssen, sonst sind wir solche nicht, wofür wir uns halten oder wofür uns die Leute ansehen.

Darum, meine sehr geliebten Freunde, sollen wir uns in allen Dingen als Diener Gottes erweisen. Nun aber wird ihnen nichts mehr abgefordert, als daß sie treu erfunden werden, denn Gott ist nicht ungerecht, daß er eurer Liebe, und eurer guten und holdseligen Werke vergessen sollte. Darum seid standhaft und unbeweglich in dem Werke des Herrn, und wisst allezeit, daß eure Arbeit nicht vergeblich sei in dem Herrn, indem ihr der Hoffnung lebt, daß es, durch die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, euch noch reichlich belohnt werden wird, wenn er sagen wird: »Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich meines Vaters; dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reiche; dann wird man sehen, welch ein Unterschied zwischen dem Gerechten und Ungerechten sein wird, und zwischen denen, die Gott gedient haben und denen, die Ihm nicht gedient haben.«

Darum, meine sehr Geliebten in dem Herrn, nehmet doch eurer selbst ernstlich wahr, leidet lieber von einem andern, wäre es auch ein Freund, wenn es anders mit der Wahrheit bestehen kann, ehe ein Freund von euch leiden sollte. Darum steht geschrieben: »Willst du ein Diener Gottes sein, so schicke deine Seele zu viel Anfechtung,« denn es wird noch wohl zu nutz kommen, daß man sich an den geringsten Ort gestellt hat.

Deshalb, geliebte Freunde in dem Herrn, bleibt bei demjenigen, was ihr von Anfang gehört habt; werdet ihr dabei bleiben, so werdet ihr auch bei dem Vater und dem Sohne bleiben, und das sind seine Verheißungen: Das ewige Leben. Was fragen wir doch nach der Welt, oder nach dem, was darin ist? Denn die Welt mit ihren Lüsten wird vergehen; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Es ist uns ja allen daran gelegen, daß wir selig werden, wie Petrus, Apg 15,11 sagt: »Wir glauben durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi selig zu werden;« und wie er auch an einem andern Orte sagt: »Ich habe euch durch unsern Bruder Silvanus ein wenig geschrieben, daß das die rechte Gnade Gottes sei, worin ihr gegenwärtig steht;« darum haltet was ihr habt, damit niemand eure Kronen nehme, denn wenn ihr überwindet, so werdet ihr alles ererben. »Darum beweist nun aus eurem Glauben Tugend, in der Tugend Bescheidenheit, in der Bescheidenheit Mäßigkeit, und in der Mäßigkeit Geduld, und in der Geduld Gottseligkeit, und in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und in der brüderlichen Liebe gemeine Liebe; denn wenn solches reichlich bei euch ist, wird es euch in der Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi weder faul, noch unfruchtbar sein lassen; wer aber solches nicht hat, der ist blind, und tappt mit der Hand, und vergisst der Reinigung seiner vorigen Sünden.«

Darum, meine lieben Brüder, wendet desto mehr Fleiß an, euren Beruf und eure Erwählung fest zu machen; wenn ihr das tut, so werdet ihr nicht fallen, und dann wird euch der Eingang zu dem ewigen Reiche unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, vollständig verwilligt werden. Weil wir denn nun solche große und herrliche Verheißungen haben, meine Geliebtesten, so wollen wir uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes reinigen und in der Heiligung fortfahren, wie auch Johannes bezeugt, wenn er sagt: »Ein jeder reinige sich von der Sünde, gleichwie auch er rein ist, denn wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht; darum ist er in diese Welt gekommen, damit er die Sünde hinwegnehme, denn es ist keine Sünde in Ihm; wer sündigt, der hat Ihn weder gesehen noch erkannt.« Ferner sagt Johannes: »Kindlein, ihr seid von Gott, denn der in euch ist, ist größer, als der in der Welt ist. Sie sind von der Welt und reden von der Welt, und die Welt hört sie. Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer aber Gott nicht erkennt, der hört uns auch nicht; daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums;« damit stimmt auch Christus überein, indem er sagt: »Die Welt kann euch nicht hassen, mich aber hasst sie, denn ich zeuge, daß ihre Werke böse sind.« Desgleichen sagt er auch an einem andern Orte: »Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, sie waren dein und du hast sie mir gegeben; ich bitte nicht, Vater, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du sie vor dem Argen bewahrst.« An einem andern Orte sagt Christus: »Wer Arges tut, der hasst das Licht, und kommt nicht ans Licht, damit seine Werke nicht gestraft werden.«

Darum, meine sehr geliebten Freunde, weil wir noch in dieser betrübten Welt sind, und uns von dem Herrn Zeit vergönnt wird, so müssen wir ernstlich auf das Wort des Herrn achten und unser Äußerstes daran wenden, um demselben nachzukommen; solches lehrt uns Paulus, indem er sagt: »Die nach dieser Regel einhergehen, über die sei Friede und Barmherzigkeit;« auch steht an einem andern Orte geschrieben: »Dieses Volk versteht es nicht, und sie nehmen es auch nicht zu Herzen, daß Gottes Gnade und Barmherzigkeit über seine Auserwählten und Heiligen kommt,« wie auch Mose sagt, daß er an vielen Tausenden Barmherzigkeit tue, die ihn lieb haben und seine Gebote halten. Es sind zwar viele in der Welt, welche sagen, daß sie den Herrn lieben, aber sie beweisen es nicht mit ihren Werken, denn ihre Werke zeigen ja an, wen sie lieben. Christus aber sagt: »Wer mich liebt, wird mein Wort halten, oder meinen Geboten gehorsam sein.« Das sind diejenigen, die vor Ihm bestehen werden, denn ebenso sagte auch Christus: »Wer meine Gebote hat und hält sie; diese sind es, die mich lieben.« Wer aber seine Gebote nicht hält, der hat Ihn auch nicht lieb; ebenso bezeugt Johannes in seinem Briefe: »Das ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer, denn wer aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat; wer ist es aber, der die Welt überwindet, ohne der da glaubt, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist.« »Darum habt die Welt nicht lieb, noch was in der Welt ist, denn wenn jemand diese Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters, indem alles, was in der Welt ist, nämlich Augenlust und Hoffart des Lebens, nicht vom Vater, sondern von der Welt ist, und die Welt mit ihren Lüsten vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, wird leben in Ewigkeit.«

Darum, meine sehr geliebten Freunde, stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eurer Sinne, damit ihr prüfen mögt, welches der gute und wohlgefällige Wille Gottes sei, wie denn auch Paulus an einem andern Orte sagt: »Gnade sei mit euch, und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesu Christo, der sich selbst für unsere Sünde dahingegeben hat, damit er uns von dieser gegenwärtigen argen Welt erlöse.« Da euch denn nun, meine lieben Freunde, diese Gnade gegeben ist, nämlich daß ihr geschmeckt habt, daß der Herr freundlich ist, zu welchem ihr gekommen seid, als zu dem lebendigen Steine, der von Menschen verworfen worden, aber vor Gott herrlich und auch köstlich war, so baut euch auch auf zu einem geistigen Hause und zum heiligen Priestertume, um geistige Opfer zu opfern, die Gott angenehm sind durch unsern Herrn Jesum Christum, damit ihr heilige Hände zu dem Herrn aufheben mögt, ohne Zorn und Zweifel, und Gebet, Fürbitte und Danksagung abzustatten für alle Menschen; dann wird der Herr des Friedens mit euch sein; wenn er aber mit euch ist, wer wird wider euch sein, der seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht; wer will sie verdammen? Christus ist hier, der gestorben und auch auferstanden ist, welcher auch zur rechten Hand Gottes sitzt und für uns bittet. Darum sagt Paulus: »Was kann uns scheiden von der Liebe Gottes, Druck oder Verfolgung, oder Tod?«

So will ich denn nun, meine sehr geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn, mein einfaches Schreiben abkürzen, welches ich in den Banden geschrieben habe, in welchen wir alle Tage die Erlösung unseres Leibes erwarten; darum nehmt doch dieses Schreiben zum Besten auf, und seid dessen eingedenk, was wohl ehemals aus meinem unwürdigen Munde gegangen ist (nicht ich, sondern Gottes Gnade durch mich).

Hiermit nehme ich einen ewigen christlichen Abschied, und erwarte euch alle in der zweiten Auferstehung, daß wir Ihm alsdann in der Luft entgegenkommen und allezeit bei dem Herrn sein mögen; tröstet euch untereinander mit diesen Worten. Noch einmal sage ich gute Nacht, meine lieben Freunde; hiermit befehle ich euch dem Herrn und dem Worte seiner Gnade, welcher stark genug ist, euch aufzubauen, und euch das Erbe zu geben unter allen, die geheiligt sind, Amen.

Geschrieben in den Banden von mir, Jan Thielemanß, eurem schwachen Bruder in Christo.