2.395  Abschrift eines Briefes von Hans Symonß, den er in seinen Banden zu Antwerpen auf dem Steine, im September des Jahres 1567 an seine Ehefrau geschrieben hat.

Gnade, Friede, Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater, auch Standhaftigkeit im Glauben, und Ausharrung bei Gott in allen Anfechtungen und Trübsalen, durch die Kraft und Wirkung des Heiligen Geistes, welchem, als dem Gesegneten, Lob und Dank sei in Ewigkeit.

Dieses wünsche ich dir, mein geliebtestes Weib und Schwester in dem Herrn, die ich nach göttlicher Art wie mein eigenes Fleisch liebe, ja, auch lieber gehabt habe als mich selbst in Gunst und bei sonstigen Ereignissen; dieses ist mein herzlicher Gruß an dich, und daß es dir nach Seele und Leib wohl gehen möge, Amen.

Ferner, mein liebes und sehr wertes Weib und Schwester in dem Herrn, ich lasse dich wissen, daß ich deinen Brief empfangen habe, welcher mir in meinen Banden ein Tröster ist, weil ich höre, daß du meiner und meiner Mitgefangenen in dem Herrn in deinen Gebeten noch eingedenk bist, daß uns der Herr stärken und trösten wolle, und daß er das gute Werk, welches er in uns angefangen, durch seine Hilfe, zu seinem Preis und unserer Seelen Seligkeit ausführen möge.

Ach, liebes Lämmlein! Ich bitte Gott im hohen Himmel von Grund meines Herzens, daß er euch vor allem Irrtume des Unglaubens bewahre, und daß er das gute Werk, welches er in euch angefangen, auch zu seinem Preis und Ehre, und zu eurer Seelen Seligkeit ausführen helfen wolle.

Lasst uns sämtlich bitten, auch heilige Hände aufheben, mit zerbrochenem Herzen, demütigem Gemüte und reinem Gewissen, ohne Streit und Zwietracht, und Gott mit standhaftem Glauben anrufen, so wird unser Gebet ein süßer Geruch und Gott ein angenehmes Opfer sein, denn alle Gaben kommen von dem Vater des Lichtes.

Ach mein liebes Weib! Nimm die Tugenden zu Herzen, die dir der Herr hat verkündigen lassen, wie der Prophet sagt: »Mensch, es ist dir gesagt, was gut ist, und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort haben, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.«

Gedenke allezeit an deine Vorgänger, die in viel Trübsal und Verfolgungen den Weg vorgewandelt und allezeit standhaft im Glauben mit einem festen Zutrauen geblieben sind. »Wer ist jemals zu Schanden geworden, der sein Vertrauen auf den Herrn gesetzt hat?«, sagt der Prophet; darum, liebes Weib, achte die große Gnade, die dir der Herr offenbart hat, nicht gering; halte allezeit stark an, und habe ein festes Zutrauen zu dem Herrn, er wird dich weder verlassen, noch ohne Trost lassen, denn in der Not steht er den Seinen bei und sagt: »Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen, so will ich dich doch nimmermehr vergessen.«

Ich bitte dich, sei getrost in deiner Prüfung, die dir der Herr zusendet, und nimm ein Exempel an dem Hiob, wie geduldig er gewesen, und wie ihn der Herr gesegnet habe.

Ich hoffe, der Herr werde die Augen seiner Barmherzigkeit über dich und alle betrübte und beschwerte Herzen auftun, um sie mit dem Geiste zu trösten, womit er in seinem Leiden getröstet worden ist.

Ich bin sehr beschwert und betrübt in meinem Gemüte, wenn ich an dich und meine vier armen Schäflein denke, daß ich diese alle verlassen muss.

Ich bitte dich, Tanneken, sei ihrer, solange du lebst, in deinem Herzen eingedenk.

Du wollest doch meine Bitte an dich nicht vergessen, das ist, daß du die Tage deines Lebens in dem Gesetze des Herrn wandeln und meinen und deinen Kindern, die uns der Herr in der Zeit unseres Ehestandes gegeben, ein Vorbild sein, in aller Demut und Gehorsam, in Unterweisung der Gerechtigkeit, und sei der Mutter der Makkabäer eingedenk, wie sie ihre Kinder gestärkt hat, daß sie das Gesetz Gottes nicht verlassen sollten.

Ich befehle sie dir, mein allerliebstes Weib, und dem Herrn! Er wird dir auch helfen, seine Hand ist nicht zu kurz, daß er uns nicht sollte helfen können, denn ein Kind, das Gott fürchtet, ist besser als tausend gottlose Kinder; ja, es wäre besser, ohne Kinder zu sterben, als gottlose Kinder zu hinterlassen. Ich bitte dich, trage gute Fürsorge für sie; ich bürde sie dir auf und dem Herrn, denn ich bin dir und ihnen entnommen, was mich, dem Fleische nach, sehr beschwert; aber ich denke daran, was geschrieben steht: »Wer nicht alles verlässt, Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Weib, Kind, Gut, Land, Stand, ja, sein eigenes Leben, der ist meiner nicht wert.« Summa: »Wer etwas lieber hat, als mich, der ist meiner nicht wert.« Ich weiß nicht, was der Herr an mir ersehen hat, wenn ich überlege, daß ich so elendig und unwürdig bin, daß ich um seines Namens willen leiden soll; dem Herrn müsse Lob und Dank für die großen Wohltaten sein, die er mir in meinen Banden erwiesen hat; nun finde ich es, daß der Herr uns Unwürdigen (insbesondere mir) geholfen hat.

Dem Geiste nach ist das Herz fröhlich in der Hoffnung der zukünftigen Seligkeit; ich hoffe, daß ich den sterblichen Rock bald ablegen und den unsterblichen anziehen werde; der Herr wolle unsere Herzen dahin richten, denn Hilfe ist uns nötig vom Herrn der Heerschaaren in unserer Trübsal. Siehe, meine liebe und sehr werte Frau und Schwester in dem Herrn, nimm mit deinen Kindlein dieses als ein Testament und zum Andenken von demjenigen an, der mit dir in dem Bunde des Ehestandes ungefähr eine Zeit von fünf Jahren gelebt hat, und nun um des Bundes willen scheiden muss, den wir mit Gott gemacht haben, nämlich in Ewigkeit nicht davon zu weichen. Darum muss ich nun um des Bundes willen, den wir mit Gott gemacht haben, von dem ehelichen Bündnisse weichen, und gehe nun (unwürdig) den Weg, den die Propheten und Christus und seine Apostel gewandelt sind, durch viel Trübsal und viele Schmerzen, mit vielen Tränen, und muss den Kelch der Bitterkeit trinken, den sie alle getrunken haben, wiewohl der Herr selbst sagte: »Heiliger Vater, ist es möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, so laß es geschehen, ist es aber nicht, Heiliger Vater, so geschehe dein Wille.« Also ist uns der Herr zum Exempel gesetzt worden, daß wir seinen Fußstapfen in Gehorsam nachfolgen sollen, denn Christus ist durch viel Leiden zu seiner Herrlichkeit eingegangen, und hat uns damit ein Exempel hinterlassen, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen.

Darum, meine Geliebte in dem Herrn, tröste dich mit dem Worte des Herrn, und denke einmal an das Schreiben des Johannes, daß der Herr zu seinen Jüngern und zu seinen Freunden sagte: »In dieser Welt werdet ihr Trübsal haben, aber seid getrost, eure Trübsal soll in Freude verwandelt werden.« Darum, liebe Tanneken, sei fröhlich in der Hoffnung der zukünftigen Seligkeit, geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebete, daß dich der Herr trösten und nicht in Versuchung fallen lasse, sondern daneben einen Ausgang verleihen wolle. Befiehl dem Herrn deine Sachen; ich hoffe und habe das Vertrauen zu Gott, wenn du anders in seinen Gesetzen bleibst und den Herrn allezeit vor Augen hast, daß er jemanden erwecken werde, der dir helfen, dich trösten und dir beistehen wird; sondere dich ja nicht ab von den Gottesfürchtigen, denn wie lieblich ist es unter des Herrn Volk zu sein, ich sage mit Mose, daß ich lieber mit Gottes Volk Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit haben will.

Halte dich allezeit zu den Heiligen des Herrn, denn bei den Heiligen wird man heilig, sagt der Apostel, und denke an des Herrn Wort, wo geschrieben steht: »Wer überwindet, soll alles ererben, und soll mit weißen Kleidern angetan werden, und Gott wird alle Tränen von unsern Augen abwischen.«

Ach liebe Tanneken! Es scheint, es müssen Tränen sein, denn wo keine Tränen sind, da kann man keine abwischen. Der Herr gebe (gleichwie ich auch ihm vertraue, daß er tun werde), daß wir nach dieser Trübsal, die um seines Namens willen über uns genommen ist (welche mir eine schwere Trübsal im Herzen ist), uns dermaleinst in dem Reiche Christi und Gottes miteinander erfreuen mögen.

Denn, mein liebes und sehr wertes Weib und Schwester in dem Herrn, die ich aus meines Herzens Grunde samt meinen vier Kindlein liebe, es liegt schwer auf mir, wenn ich an deine schwere Last und an den Raub unserer Güter denke, und daß der Herr dir deinen Versorger genommen hat; ich wollte wohl, wenn es dem Herrn so gefallen hätte, daß er uns vor solcher Trübsal noch bewahrt hätte; da es aber nicht anders sein kann, so wollen wir unsere Trübsal dem Herrn anbefehlen.

Wenn ich, Tanneken, unsere vergangene Zeit überlege, so denke ich, daß es eine väterliche Züchtigung sei, denn er sagt: »Die ich lieb habe, die züchtige ich.« Ich weiß wohl, daß wir es am Herrn wohl verdient haben, und daß wir oft im Leiden, das uns der Herr zugesandt hat, ungehorsam gewesen sind, als wir, wie es denn auch wahr ist, in der Welt wenig gute Tage hatten; wir klagten und murrten wider Gott, weil wir keine genügende Nahrung hatten und viel Kinder bekamen, eben als ob die Hand Gottes verkürzt gewesen wäre, so daß er uns nicht hätte unsere Speise geben können; nun aber verschwindet unser zeitliches Gut wie ein Raub, und wir müssen zufrieden sein; doch geschieht solches um des Herrn willen, und um seinetwillen leide ich gern; der Herr hat es mir gegeben, und um seinetwillen will ich es auch gern verlieren.

Darum, liebe Tanneken, habe ich dir solches früher oft erzählt. Ich schreibe dieses nicht, um dich niederzudrücken, sondern um dir zu berichten, daß uns Gott züchtigt, wodurch er uns beweist, daß er uns noch lieb hat; und obgleich uns der Herr züchtigt, so laß uns doch diese Züchtigung nicht von uns werfen, denn wer die Züchtigung und Unterweisung von sich stößt, ist unselig.

Darum bitte ich den Herrn inbrünstig für dich, meine Geliebte, und für meine vier Kinder, die mir Gott gegeben, die du getragen und mit Schmerzen geboren hast, daß er dich nicht verlassen, sondern trösten, stärken und dir Kraft geben, auch alle meine vier Waislein und die Mutter, nach der Seele und dem Leibe speisen wolle. Vertraue dem Herrn allezeit, ich hoffe, er werde dich nicht verlassen; beratschlage dich mit dem Herrn und mit denen, die den Herrn fürchten, und nimm dich besser in Acht, daß du in dem Gehorsame Christi wandelst; es ist mir von Grund meines Herzens leid, daß ich meine Zeit nicht besser angewendet habe; auch bitte ich dich, daß du es mir zu gut halten und vergeben wollest, worin ich dich betrübt habe, denn es ist mir von Grund meines Herzens leid; und worin du mich etwa betrübt hast, solches alles vergebe ich dir von Grund meines Herzens; ich bitte auch den Herrn, daß er es uns vergeben wolle, und hoffe und vertraue zu ihm, daß er es getan hat; ebenso sage ich dir für den guten Umgang, den wir während der Zeit unseres Ehestandes miteinander hatten, herzlichen Dank; auch danke ich allen Brüdern und Schwestern in dem Herrn für den Umgang, den ich im Glauben mit ihnen allen gehabt habe, denn ihre Angesichter sind mir allezeit angenehm gewesen. Der Herr gebe uns Gnade, daß wir dermaleinst alle bei Ihm ewiglich in Freuden leben und mit der Krone der Seligkeit gekrönt werden mögen, womit alle heiligen Mitgenossen Gottes werden geziert werden, und das nur aus lauter Gnade, Amen.

Dieses ist mein Testament, meine liebe und sehr werte Tanneken; zum Abschiede sollst du noch wissen, daß das Gemüt noch unverändert in dem Herrn steht, um (als ein Unwürdiger) mit meinem Blute Zeugnis von Ihm zu geben, zum Zeichen, daß es die rechte Wahrheit sei; ich weiß auch keinen andern Weg, um selig zu werden, als aus Gnaden, der Welt zum Zeugnis, zur Ehre Gottes und zum Heile unserer armen Seelen, Amen.

Cornelius, Matthäus und Christian sind mit ihrem Gemüte auch so bestellt. Bitte den Herrn für uns alle, damit er das gute Werk, das er in uns angefangen hat, uns auch zu seiner Ehre und zum Heile unserer Seelen ausführen helfen wolle, Amen.

Bitte den Herrn für uns alle und gedenke der Gefangenen, wie eine Mitgefangene. Wir alle vier lassen dich herzlich grüßen mit des Herrn Friede, und auch die Gesellschaft, wo du zu Hause bist.

Für jetzt nichts mehr; halte mir mein Schreiben zu gut, denn die Sinne sind zum Schreiben etwas verwirrt; sei hiermit Gott befohlen und dem reichen Worte seiner Gnade, Amen.

Von mir, Hans Symonß, deinem Manne in dem Herrn, zu Antwerpen auf dem Steine.