2.379  Der siebte Brief von Mattheiß Servaes, aus dem Gefängnisse an I. N. und seine Brüder geschrieben.

Gnade und Friede sei mit dir und allen Gläubigen in Christo Jesu, Amen.

Ferner sollt ihr wissen, liebe Brüder und Schwestern, daß es mit uns noch sehr wohl stehe, nämlich mit mir und Hermann, denn unsere Herzen sind voller Freuden, ja, sie fließen über von Freuden. Die Zeit wird uns so kurz als wohl jemals. Des Nachts loben wir unsern Gott in Einigkeit unseres Mundes; wir sitzen jetzt allein. Des Bischofs Kaplan, Eberhard genannt, ist abermals bei mir gewesen, den Samstag nach Jakobus, und hat von der Kindertaufe und von der Auferstehung der Toten sehr freundlich mit mir geredet. Der Graf sagte zu mir: Lieber Mattheiß, sage uns doch deine gründliche Meinung über diese Artikel; denn ich habe dir gesagt, daß euer Volk, das auf dem andern Turme ist, selber bekannt hat, daß die Toten nicht auferstehen werden; von dir aber habe ich noch keinen klaren Bericht empfangen. Weil du sie nun gelehrt hast, so müssen sie es (sagte er) von dir haben. Hierauf erwiderte ich: Es ist wahr, Herr Graf, du hast neulich dergleichen Reden mit mir gehabt, und ich habe dir damals meine Antwort gegeben, gleichwie auch jetzt, nämlich, daß ich alle Gefangenen zu Zeugen nehme, wie ich keine andere Ansicht in meiner Lehre (die doch nicht mein, sondern Christi ist) vorgetragen habe, als daß die Zeit kommen werde, daß die Toten aus den Gräbern auferstehen werden, die Frommen zum Leben, die Bösen aber zum ewigen Tode, und daß wir alle vor dem Richterstuhle Christi offenbar werden müssen, damit ein jeder an seinem Leibe empfange, je nachdem er getan hat, es sei gut oder böse; aber daß dieses Fleisch und Blut, wie wir nun gehen, das Reich Gottes ererben sollte, habe ich nicht gelehrt, sondern das Gegenteil, nämlich, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben möge, auch soll das Vergängliche nicht das Unvergängliche ererben, 1Kor 15,50. Darauf sagte Eberhard, der Kapellan, er glaube auch nicht, daß dieses Fleisch und Blut das Reich Gottes ererben werde; auch sagte ich: Wir werden verändert werden; wer aber nun wissen will, wie das zugehen wird und wie die Toten auferstehen und mit welchen Leibern sie erscheinen werden, solchen sagt Paulus: »Du Narr, was du säst, wird nicht lebendig gemacht, es sei denn, daß es sterbe; und was du säst, ist nicht der Leib, der da werden soll, sondern ein bloßes Korn, nämlich Weizen, oder sonst ein anderes; aber Gott gibt ihm einen Leib, wie er will.« Das ist, sagte ich, mein Grund. Ach, möchte ich würdig werden, mit den Gerechten aufzustehen, darum bin ich bekümmert; was mir aber der Herr für einen Leib geben wird, das stelle ich Ihm anheim; ich bin auch damit wohl zufrieden; ich werde weder vor dir, noch vor sonst irgendeinem Menschen, mehr bekennen. Darin, sagte er, sind wir auch nicht sehr verschiedener Meinung.

Darauf sagte ich weiter: Man ruft nun über uns: Der hat dies, und jener hat das, und ein anderer etwas anderes bekannt; lieber geht doch unter euer Volk und fragt jeden Einzelnen um alle Artikel; meint ihr auch wohl, daß sie euch etwas Gewisses antworten oder bekennen werden? Gewiss gar nichts, oder doch sehr wenig. Es ist wahr, sagte er. Wir redeten auch noch manches wegen der alten Schreiber in Ansehung der Kindertaufe; ich verwarf sie alle, und stellte sie Gott anheim; aber er bat, ich sollte mich bedenken. Solches begehrte ich auch von ihm und sagte: Ich bin in meinem Herzen versichert und versiegelt, daß es die lautere Wahrheit sei; ich begehre dabei zu sterben und das Leben zu lassen; auch sagte ich ihnen etwas von ihrer unreinen und gebrechlichen Gemeinde, von dem Hurenhause, Spielhause, der Fechtschule und von ihrem täglichen Leben, das sie nach allen heidnischen Weisen führten, desgleichen auch von dem Unrechte und der Gewalt, welche sie mit Peinigen an uns ausgeübt hatten, nur weil wir keine Verräter sein wollten; dies alles gab ich ihm zu bedenken, wenn er ein Hirte der Schafe wäre. Darauf sagte er, es wäre ihm von Herzen leid. Die Gesichtszüge des Grafen (wie mir vorkam) veränderten sich. Sie standen auf; darauf gab mir Eberhard die Hand, und befahl mich dem Herrn sehr freundlich.

Also steht es noch sehr wohl mit uns, dem Herrn sei Dank gesagt, Amen. Gedenkt unserer Tag und Nacht im Gebete, was wir auch wieder für euch zu tun gesinnt sind; ich wollte auch, daß alle Gefangenen gewarnt und ermahnt werden möchten, alle Gespräche abzuschlagen, sie dürfen solche kecklich abschlagen. O Brüder! Wie fein und klüglich stellen sie ihre Netze vor meine Seele, um sie hineinzujagen; aber sie werden sie nicht fangen; ich habe dazu eine gute Hoffnung, denn es ist vergeblich das Netz vor den Augen der Vögel auszuwerfen.

Darum ist das mein Begehren an alle Gefangenen, daß sie ihren Mund bewahren und ihre Zunge im Zaume halten wollen. Weil der Gottlose (wie David sagt) vorhanden ist, so seid nicht schnell im reden; damit ihr euer Herz nicht verführt, und wartet in Geduld, bis Christus in euch redet, oder sein Geist durch euch (nach seiner Verheißung). Schämt euch auch nicht, wenn ihr auch nicht auf alle Fragen antwortet, denn darum hat sich auch nicht geschämt, der die Weisheit Gottes selbst war, nämlich Christus, wovon uns die Schrift des alten und neuen Testamentes ein sattsames Zeugnis gibt. Und wenn ihr auch wegen anderer gefragt werdet, die noch draußen oder im Gefängnisse sind, ob sie mit uns seien oder nicht, ob sie getauft seien oder nicht, so könnt ihr antworten: Ich liege hier nicht für einen andern, sondern für mich selbst; darum kann ich für mich und nicht für einen andern reden; wenn sie euch dann mit Peinigen oder langer Gefangenschaft bedrohen, so lasst sie drohen, lasst sie peinigen, werft euer Vertrauen fest auf den Herrn, dann werden sie wohl nicht mehr tun können, als Gott (der des Königs Herz in seiner Hand hat) zulässt. Ist es dann des Herrn Wille, daß ihr leidet, so gedenkt, daß ihr oft gesagt habt: Herr, dein Wille geschehe; und in Wahrheit, wenn ihr dem Herrn fest vertraut, so sind auch eure Haare auf eurem Haupt gezahlt, deren keines ohne des Vaters Willen abfallen soll.

Darum fürchtet euch kein Haar breit vor ihrem Drohen und erschreckt nicht, sondern haltet dem Herrn still mit Langmut und Geduld in allem, was euch um der Wahrheit willen begegnet. Vertraut Gott, er wird euch nicht verlassen bis in den Tod, Amen.

Wenn ich aber, meine lieben Mitglieder, vermuten könnte, daß es sowohl dem Preise Gottes als auch eurer und ihrer Seligkeit förderlich wäre, wenn ihr ihnen von allem, um was sie euch fragen, Rede und Antwort geben würdet, so wollte ich euch nicht allein ermahnen zu warten, bis ihr gefragt werdet, sondern ich wollte euch auch noch dazu mit Bitten und Ermahnung bewegen, daß ihr es ihnen willig, ehe ihr von ihnen gefragt würdet, vorstellen und bekennen solltet; aber wie sie die Ehre Gottes, und eurer, ja, auch ihrer eigenen Seelen Heil und Seligkeit hierin suchen, das will ich einem jeden gottesfürchtigen Liebhaber der Wahrheit, mit einem unparteiischen Urteile selbst zu bedenken und zu erwägen geben.

Darum bewahrt euren Mund, meine Geliebten, wie oben gemeldet worden ist. Ich habe ein Lied gemacht, jedoch nicht aus Leichtsinn; deshalb wollte ich auch, daß es gesungen würde, nicht mir, sondern Gott zum Preise.

Liebe Brüder, lasst mich eurem Gebete treulich anbefohlen sein! Ich grüße euch alle mit dem Frieden unsers Herrn Jesu Christi; wer den nicht lieb hat, der ist Anathema Maharam Motha. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen, Amen.