2.378  Der sechste Brief, welchen Mattheiß Servaes von Kottenem, aus dem Gefängnisse (an sein liebes Weib und Mitgefangene Schwester in dem Herrn) geschrieben hat.

Gnade, Friede, Freude im Herzen, durch Jesum Christum, sei mit dir, mein herzlich geliebtes Weib, die ich in meinem Herzen lieb habe, ja, so lieb, wie meine eigene Seele, und allen Gefangenen, die in Jesu Christo sind, Amen.

Hiermit, meine liebe Schwester in dem Herrn, antworte ich dir auf deine erste Äußerung, wodurch du deine Betrübnis darüber zu erkennen gabst, daß ich allein sei; aber ich bin, liebes Kind, nicht allein, sondern habe den Trost aller Gläubigen bei mir; ich weiß nicht, ob ich auch jemals mehr Freude auf Erden gehabt habe, denn ich bin gewiss und fest versichert, daß mir der Herr nichts schwerer auflegen werde, als ich ertragen kann, und ich begehre von dem Leiden (wenn es anders des Herrn Wille ist), nicht befreit zu werden, doch so, daß sein heiliger Wille geschehe. Darum, mein liebes Kind, schlage solchen Kummer aus dem Sinne, solches begehre ich. Was du auch ferner darüber sagst, daß du mir nicht gehorsamer gewesen bist, so beklage ich es auch von Herzen vor meinem Gott, daß ich nicht mehr Fleiß angewandt habe, als ich bisher getan habe; darum sollen wir uns nicht rühmen, sondern vielmehr es beklagen, denn ich sage mit Salomo: »Wer kann sagen, mein Herz ist rein und ich bin rein von meinen Sünden?« Hiermit stimmt auch die Rede des Esra überein, wenn er sagt: »Der Sünder soll nicht sagen, daß er nicht gesündigt habe, denn feurige Kohlen werden auf dessen Haupte brennen, welcher sagt: Ich habe nicht gesündigt vor Gott dem Herrn und seiner Herrlichkeit!« Hierüber sagt auch der Apostel Johannes in seinem ersten Sendbriefe im ersten Kapitel: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Darum, liebes Weib, mögen wir uns wohl beklagen. Und mit David bitten: O Herr! Geh nicht ins Gericht mit deinem Knechte, sondern sei uns gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit; ja, wenn wir auch alles getan hätten, was wir zu tun schuldig sind, so gebührt uns doch noch zu sagen: »Wir sind unnütze Knechte, wir haben nichts getan, als was wir zu tun schuldig waren.« Darum dürfen wir uns nicht zu denen zählen, die durch ihre Werke selig und gerecht sein wollen, sondern vielmehr zu denen, von welchen die Schrift sagt: »Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und denen ihre Sünden bedeckt sind; selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünden zurechne.« Vielleicht ist auch unser Maß und unsere Zeit auf Erden bald erfüllt, daß uns der Herr noch vor unserm Ende läutern will, oder vielleicht hätten wir unsere Übertretung (um der Schwachheit willen) anders nicht recht erkennen können, als auf solche Weise, damit wir recht für dieselbe büßen möchten, ehe wir hinweg genommen werden, denn man kann oder mag nicht besser Buße wirken als in der Züchtigung der Banden. Davon haben wir ein klares Exempel an Manasse, dem Könige von Juda, welcher sich nicht daran kehrte, wie sehr ihn auch der Herr durch den Propheten warnte, ja, es half alles nichts, bis er von den Feinden ins Gefängnis zu Babel geführt wurde; da bekannte er erst seine Sünden, und tat Buße. Gewiss hat uns der Herr lieb, weil er uns hierher berufen hat. Daran zweifle nicht, mein liebes Weib, sondern laß uns unser ganzes Vertrauen auf den Herrn setzen, und jeden Zweifel von uns werfen, damit wir nicht in größere Sünde fallen. Haben wir aber gesündigt, so müssen wir es nicht wieder tun, damit uns nicht etwas Ärgeres widerfahre; und das ist auch die beste Buße, nämlich, nicht wieder zu sündigen. Ach, mein liebes Weib, sei guten Muts, und lege deine Traurigkeit oder Sorge auf den Herrn, und verzage nicht, denn er wird für uns sorgen. Gedenke an die freundlichen Worte des Herrn, wenn er sagt: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe geben!«, denn der Herr wird unserer gedenken, und uns nicht vergessen, ja, vielweniger will er uns vergessen, als eine Mutter ihr Kind, welches sie neun Monate getragen hat; und wenn auch eine Mutter ihres Kindes vergäße, so will er unserer doch nicht vergessen, und will uns bewahren, wie seinen Augapfel. Daß uns aber der Herr ins Gefängnis hat kommen lassen, geschieht zu unserm Heile, damit wir, so gezüchtigt, rechten Gehorsam lernen, denn dadurch können wir gereinigt, und dazu recht geprüft werden, ob wir auch etwas lieber haben, als unsern Herrn Jesum Christum. Es lässt sich zwar noch ertragen, daß man Mann, Weib, Kinder, Vater, Mutter, Schwestern, Brüder, Häuser oder Äcker um des Namens Christi willen verlässt, wenn es aber dem Menschen an das eigenen Leben geht, dann wird es erst recht geprüft und geläutert, denn der Mensch gibt Haut um Haut, und alles was er hat, lässt er für sein Leben, wie beim Hiob steht. Aber Christus hat gesagt, daß man solches alles hassen und verlassen müsse, selbst das eigene Leben, und daß man das Kreuz aufnehmen und ihm nachfolgen müsse.

Wer nun solches nicht tut, der kann auch (sagt er) mein Jünger nicht sein; aber wir können nicht füglicher hassen oder absagen, als wenn wir uns dem Herrn ganz übergeben, sodass wir mit der Wahrheit sagen mögen: Herr, dein heiliger Wille geschehe!, das ist: Herr, es geschehe, was du willst! Sieh, mein liebes Weib, das heißt recht absagen. Ferner ist mein Begehren an dich und alle Gefangenen, daß ein jeder sich, so viel er in seinem Gewissen Anklage findet, um desto mehr vor seinem Gott demütige, denn die Zeit der Gnade, und der Tag des Heils, ja, die angenehme Zeit ist noch vorhanden. Lasst uns nicht aufhören anzuklopfen, bis er sich über uns erbarme, uns auftue, und uns, um des unverschämten Rufens willen, gebe, so viel wir bedürfen. Denn er ist doch ein gnädiger Gott; er vergibt sehr gerne, und gereuet ihn bald des Bösen, und welche sich von Herzen zu ihm wenden, zu denen wendet er sich auch wieder; aber die von ihm abweichen, derer Namen werden in die Erde geschrieben. Darum sollte sich der Mensch wohl bedenken, der ihn um Gnade bittet, daß er es auch von Herzen meine, denn obschon der Mensch mit dem Munde klagt, so kennt doch der Herr das Herz; darum lasse es sich ein jeder Ernst sein, denn wenn das nicht geschieht, so kann er es nicht ausführen. Lasst es nun offenbar werden, ob ihr Gott recht liebt, ja, ob ihr ihn über alles liebt.

O welch ein großes Wort ist es, das Petrus sagt: »Auf daß unser Glaube viel köstlicher erfunden werde, als das vergängliche Gold, das durch Feuer geläutert wird.« Beweist nun die rechte Tugend des Glaubens, und bezahlt dem Herrn das Gelübde, das ihr ihm zugesagt habt, und lasst euch weder zur rechten noch linken Hand abführen, sondern bleibt gerade mitten auf der Straße, so werdet ihr hinein kommen; denn wer auf des Herrn Wege ausharrt bis ans Ende, der und kein anderer soll selig werden; hierzu helfe uns allen der gnädige Gott durch Jesum Christum, Amen. Ich muss mit großer Furcht schreiben. O mein liebes Weib, und ihr alle! Ich befehle euch dem treuen Gotte; er wolle euch und mich fest bewahren bis ans Ende, Amen. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sei mit euch, Amen. Nehmt euch auf mit dem heiligen Kusse der Liebe, und gedenkt meiner von Herzen, das hoffe ich auch an euch zu tun. Und wenn wir uns auf dieser Erde einander nicht wiedersehen sollten, so gebe der Herr Gnade und Kraft, daß wir hier so handeln mögen, daß wir einander dermaleinst in der ewigen Freude bei allen Kindern Gottes von Angesicht zu Angesicht sehen mögen, Amen. Ach, mein liebes Aeltgen, vergiss doch meine Ermahnung nicht, die ich dir oft gegeben habe, nämlich, daß du dir Gott stets vor Augen stellen und aufrichtig vor ihm wandeln wollest; ich meine euch alle zugleich mit diesem Schreiben. O Herr, erhalte uns! Amen. Sei nur guten Mutes, mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn, und lege allen Kummer von dir; denn wer ist der Mensch (wie oben gemeldet), der sagen kann: Ich habe nicht gesündigt, mein Herz ist rein, rein bin ich und von Sünden frei. Ich hätte dir auch viel ernstlicher vorwandeln können, als ich wohl getan habe, doch wolle Gott alles von uns nehmen, was Ihm an uns missfällt, Amen. Hüte dich, meine liebe Schwester in dem Herrn, denn der Teufel sucht dem Menschen Bekümmernis zu machen.

Dieses habe ich auf Cunebertsturm geschrieben, aber jetzt sind wir in des Grafen Hause, ich, Mattheiß und Hermann, meinen jeden Tag, daß wir unsere Opfer tun werden, womit wir auch von Herzen zufrieden sind, wenn uns Gott würdig achtet. Bewahret diesen Brief wohl, daß er denen nicht unter die Augen komme, die uns peinlich fragen, damit andere dadurch nicht zu Schaden kommen. Der Friede Gottes sei mit uns allen, Amen.