2.377  Der fünfte Brief, welchen Mattheiß Servaes aus dem Gefängnisse an seine Mutter und seinen Bruder Johann, an seinen Schwager Leonhard und seine zwei Schwestern geschrieben hat.

Gnade und Friede von Gott dem Vater und das Treiben des heiligen Geistes in alle Gerechtigkeit wünsche ich euch allen, meine Geliebten, durch Jesum Christum, Amen.

Hiermit lasse ich euch wissen, liebe Mutter und Bruder Johann, und Fransken und Barber, meine liebe Schwestern, daß es mit mir, dem Fleische nach (ausgenommen die Bande, die ich doch auch für gut halte), sehr gut stehe; um die Seele aber steht es noch viel besser. Dem ewigen Gott sei Lob und Dank dafür gesagt; er hat es so wohl mit mir unwürdigen, schwachen Knechte verordnet, denn es war schon beschlossen (wie ihr zum Teil selbst wisst), daß ich von euch fort ziehen sollte, aber von dieser Reise (auf welcher ich nun bin) wussten wir alle nichts; dieses war die rechte Reise, die ich tun sollte; ich bin nun ein wenig darauf gewandelt (dem Herrn sei Dank dafür), bin auch dessen noch unwürdig, wiewohl ich bis hierher einen sehr mühsamen und schmerzhaften Weg durchwandelt bin und manchen Schweißtropfen habe fallen lassen. Ich weiß auch wohl, daß die zarten Kinder des Herrn auf bösen Wegen gehen müssen; und wiewohl ich von den Räubern, bösen Arbeitern, falschen Brüdern und betrüglichen lügenhaften Aposteln viel erlitten habe, und noch täglich leide, so hoffe ich doch, ich werde mich nicht umsehen, sondern mit Freuden (durch Gottes Hilfe und Beistand) fortgehen, bis ich zum seligen Ende gelange, und die schöne Stadt einnehme. Derjenige aber, der mit dem Tobias einen Geleitsmann sandte, und den Propheten Daniel in der Löwengrube bewahrte, und dem Feuer seine Kraft nahm, daß es die drei Männer im Ofen nicht beschädigen könnte, der, und kein anderer, hat mich auch bisher kräftig bewahrt, und ich habe eine gute Zuversicht, daß er mich auch bis ans Ende wohl bewahren werde, Amen.

Ebenso richte ich an euch, meine liebe Mutter und Johann, meinen Bruder, und meine beiden Schwestern meine vielfältige Bitte, wie auch väterliche und brüderliche Ermahnung, daß ihr standhaft in der Gottseligkeit vor Gott wandelt, denn es wird nicht helfen, daß man ruft Herr, Herr, wenn man sich nicht befleißigt zu tun, was er geboten hat; darum tut von euch hinweg eigene Weisheit und Hoffart, und hütet euch vor schnellem Zorn und Heftigkeit der Sinne, denn es erweckt nichts Gutes, sondern verunreinigt das Gemüt, und befleckt das Gebet. Ein jeder hüte sich, daß sein Gewissen nicht mit falschen, boshaften und verkehrten Gedanken befleckt werde, denn sie scheiden von Gott. Ich begehre auch von dir, meine liebe Mutter, die du mir in meinem Herzen sehr lieb bist, daß du mit geringem Essen und Trinken zufrieden sein wollest, und daß keine bösen Gedanken in dein Herz kommen mögen, sondern danke Gott für alles, und denke, daß du dich oft in Kottenem nicht hast satt essen können, und wenn du noch jetzt dort wärest, und hättest das Gut noch in deinem Besitze, müsstest auch Tag und Nacht mit Mühe und Arbeit kämpfen, so hattest du kaum die Notdurft davon. Halte mir doch dieses zu gute, meine liebe Mutter, denn es geschieht alles um des Guten willen, damit dein Herz rein und ohne böse Gedanken sei und du dadurch Gott schauen und die Seligkeit erlangen mögest. Ferner begehre ich auch von euch allen, was ihr tut, das tut alles freiwillig ohne Murren und Zank, damit ihr von niemandem angeklagt werdet. Ich hatte drei Königstaler für dich, mein Bruder Johann, und meine Mutter zum Abschiede bestimmt, habt ihr sie nun nicht, so denke ich doch, ihr werdet sie empfangen; haltet Barber zur Arbeit, und ermahnt sie, daß sie Gott von Herzen fürchte, solches begehre ich auch von euch allen, denn es ist niemand unter euch, von welchem ich mehr Mühe und Kummer gehabt habe. Desgleichen wünsche ich auch meinem Schwager das höchste Gut von Gott. Schließlich begehre ich von dir, meine liebe Mutter, du wollest wegen meiner Bande und Gefangenschaft weder sehr bekümmert, noch betrübt sein, sondern danke dem Herrn dafür, der mich bewahrt hat, daß ich nicht um Übeltat, sondern um seines Namens willen hierher in diese Bande und Gefangenschaft gekommen bin; darum brauchen wir beide uns auch nicht darüber zu schämen. Bitte auch fleißig für mich, daß er mich ferner vor allem Bösen bewahren, und mir ein standhaftes Gemüt und eine rechtschaffene Geduld geben wolle, damit ich bei seinem Worte in jeder Versuchung und Betrübnis bis ans Ende standhaft verharren möge. Nimm dir auch, meine liebe Mutter, die Tapferkeit der Mutter der sieben Söhne zum Vorbilde, wovon man im zweiten Buche der Makkabäer im siebten Kapitel liest, denn diese Mutter mit den sieben Söhnen hat ihr verständiges Gemüt in vollkommener Weisheit mit männlichen Gedanken erweckt, und zu ihren Söhnen gesagt: Ich habe euch weder Atem noch Seele gegeben, auch nicht das Leben; ebenso habe ich auch eure Glieder nicht zusammengesetzt, sondern der Schöpfer der ganzen Welt, der alle Menschen erschaffen hat, wird euch den Atem und das Leben wieder aus Gnaden geben, gleichwie ihr das nun um seinetwillen dahin waget und übergebt.

Sieh, meine Mutter, welch ein männliches Gemüt war dieses; so sei nun auch männlich, und übergib mich willig dem Herrn, der mich dir gegeben hat, denn wir sind dessen auch gewiss, daß wir das Leben (welches wir um des Namens Christi willen gern verachten und verlassen), an jenem Tage wieder empfangen und ewiglich besitzen werden. Dieses habe ich dir, meine herzlich geliebte Mutter, in der Kürze zu Gemüte führen wollen, damit du männlich und getrost wegen meiner Banden sein und auch dein Leben nicht lieben mögest, sondern es willig um des Namens Christi willen (wenn es noch dazu kommen sollte) dahin geben mögest; und weil dich der Herr fast um die elfte Stunde berufen und in seinen Weinberg gesandt hat, so wende doch nun allen möglichen Fleiß an, daß du diese Stunde des Herrn Werk treulich treibst, und gedenke an des Propheten Wort, wo er sagt: Verflucht sei der Knecht, der seines Herrn Werk nachlässig treibt. Darum sei getreu, und erwarte den Abend in Geduld, dann wirst du auch den Groschen, ja, die schöne Krone und das herrliche Reich von der Hand des Herrn mit allen Kindern Gottes empfangen. Der Gott aber, der allein weise ist, mache uns alle geschickt, in allen guten Werken seinen Willen zu erfüllen, und mache auch, daß unsere Werke vor ihm angenehm seien durch Jesum Christum, welchem sei Ehre und Macht in alle Ewigkeit, Amen.

Seid Gott sämtlich befohlen; wir müssen hier voneinander scheiden; bittet Gott für mich, wie ich auch für euch bitte; ich grüße alle Gläubigen.