2.305  Des Lorenz von der Leyen vierter Brief.

Gnade und Friede sei mit dir von Gott dem Vater, und dem Herrn Jesu Christo. Gesegnet sei Gott, der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der ein Vater der Barmherzigkeit und ein Gott allen Trostes ist, der uns tröstet in all unserer Trübsal, damit wir auch diejenigen trösten mögen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Troste, womit wir von Gott getröstet werden. Denn wie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch durch Christum reichlich getröstet; haben wir aber Trübsal oder Trost, so geschieht es alles zum besten; ist es Trübsal, so geschieht es euch zum Trost und Heil, welches Heil sich auch erweist, wenn ihr mit Geduld dermaßen leidet, wie wir leiden, ist es Trost, so geschieht es euch auch zum Trost und Heil, und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen, daß, gleichwie ihr des Leidens Christi teilhaftig seid, so werdet ihr auch des Trostes teilhaftig sein.

Einen freundlichen Gruß samt dem Frieden des Herrn an euch, meine lieben Brüder Nathanael und Lieven, ich empfehle mich euch sehr, und lasse euch wissen, daß ich noch wohlgemut bin. Gott sei Lob für seine große Gnade, die er so reichlich an mir erwiesen, indem er mich von dieser gegenwärtigen argen Welt erlöst hat, und daß mir das Licht der Wahrheit geoffenbart worden ist, da ihr mich doch gesehen habt, als ich voll aller Bosheit war; ich danke dem Herrn aufs Höchste für meine Erleuchtung und hoffe auch, durch des Herrn Gnade, dabei zu bleiben. Denn, meine lieben Brüder, wisst, daß wir nichts von uns selbst haben, sondern es muss alles von dem Herrn kommen, indem er sagt: Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren, und wer sein Leben um meines Namens willen verliert, der wird es erhalten. Denn wir haben einen Hohepriester, Jesum, den Sohn Gottes, der gen Himmel gefahren ist; darum lasset uns an dem Bekenntnis halten; denn wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht mit unserer Schwachheit Mitleiden haben könnte, sondern der versucht ist allenthalben, gleichwie wir, doch ohne Sünde. Darum lasset uns mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhle hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe Not tun wird. Ach, meine lieben Brüder, weil wir die rechte Wahrheit haben und wissen, so lasst uns nicht davon abweichen, sondern lasst uns doch allezeit einen festen Grund legen auf den Eckstein Jesum Christum, damit unser Bau fest gegründet werde, wenn wir geprüft werden (Eph 2,19). Gleichwie das Gold im Ofen, nämlich in aller Trübsal, es sei in oder außer Banden (Eph 6,11); denn der Satan sucht uns oft sehr zu quälen (Offb 3,11). Darum lasst uns zusehen, daß uns unsere Kronen nicht genommen werden; daß wir bereit sein mögen zu streiten, und den Helm des Heils auf dem Haupt haben, samt dem Schwert des Geistes. Liebe Brüder! Wer überwindet, wird alles besitzen, ja, wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden, dann wird uns die Krone des Lebens bereitet sein. Ach, liebe Brüder, fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, sondern fürchtet vielmehr den, welcher, wenn er den Leib getötet hat, auch die Seele in die Hölle werfen kann.

Meine lieben Brüder, ihr wisst, daß ich euch dieses aus Liebe geschrieben habe, nehmt meine geringen Einsichten zum Besten auf; ich sende euch auch ein Lied. Hiermit bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte seiner Gnade; ich sage euch nochmals gute Nacht, gute Nacht, meine lieben Brüder, gute Nacht! Meine Mitgefangenen grüßen euch alle sehr herzlich. Auch grüßt Hans de Luykener seinen Bruder sehr herzlich; desgleichen lässt Anthonis Claeß Elschen Herts auch sehr grüßen. Grüßt uns alle Freunde sehr, die den Herrn fürchten, und gedenkt der Gefangenen als Mitgefangene. Liebe Brüder, grüßt mir auch sehr herzlich Tanneken, Leonhard Lettersetzers Weib, und sagt ihr meinetwegen gute Nacht.

Geschrieben den 25. Oktober 1559 von mir, Lorenz von der Leyen, auf dem Steine zu Antwerpen um des Zeugnisses Christi willen.

Der strenge Befehl des Kaisers Karl des Fünften, der im September des Jahres 1550 gemacht und sechs Jahre später durch Philipp den Zweiten, König von Spanien, gegen die Taufgesinnten erneuert und befestigt wurde (wie wir auf das Jahr 1556 ausführlich angegeben haben), wurde nun im Jahre 1560 durch den vorgenannten Philipp den Zweiten wiederum erneuert und in den Niederlanden überall angeschlagen oder abgelesen. Siehe in der vorgemeldeten Verantwortung Wilhelm des Ersten, Prinzen von Oranien, gegen seine Widersprecher, gedruckt 1569, Seite 165, ausgezogen aus dem großen Gesetzbuche der Stadt Gent.

Dadurch (wie sich einsehen lässt) ist das Blutvergießen, Würgen und Brennen der Heiligen aufs Neue hervorgerufen worden, wie an den nachfolgenden Märtyrern zu ersehen ist.