2.302  Der zweite Brief von Lorenz von der Leyen.

Gnade und Friede vermehre sich bei euch, meine sehr geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn. Wisst, daß ich examiniert (oder untersucht) worden bin, und daß der Markgraf von mir vieles wissen wollte. Ich sagte, was meinen Glauben betreffe, so wolle ich ihm alles sagen; worauf er erwiderte: Du sollst mir alles sagen. Ich sagte: Was willst du wissen? Hierauf entgegnete er: Was hältst du von deiner Taufe in der Kindheit? Ich sagte: Ich halte gar nichts davon. Darauf fragte er, wo es geschrieben stände, daß man die Kinder nicht taufen sollte. Ich sagte: Mk 16,16; Mt 28,19. Da wurde er über mich sehr unwillig und fragte mich: Was hältst du von den sieben Sakramenten? Ich erwiderte: Ich habe niemals etwas davon gelesen. Darüber fragte er mich noch zwei- oder dreimal. Ich sagte: Davon habe ich niemals etwas gelesen; aber ich glaube, daß Christus zur Rechten seines Vaters sitzt, dort hoffe ich bei ihm zu sein, wenn die Zeit erfüllt sein wird.

Sodann fragte er mich nach der Ohrenbeichte. Ich erwiderte: Ich bekenne eine Beichte, aber ich halte nichts von der Ohrenbeichte, sondern ich beichte täglich vor meinem himmlischen Vater. Darüber wurde der Markgraf zornig und sagte, er wolle mich an einen Pfahl stellen oder ins Wasser werfen lassen. Ich entgegnete ihm, er solle mit mir tun, was er wollte; denn mein Fleisch sei dazu übergeben. Darauf sagte er mir, er wollte mir noch andere gelehrte Männer senden. Ich antwortete ihm, ich hätte meinen Glauben bei mir, wie ich es begehrte zu glauben. Er sagte: Du wirst es nachher wohl hören. Ich antwortete ihm: Und wenn ihr auch alle meine Glieder voneinander schneiden würdet, so hoffe ich, daß ich meinen Herrn und Gott nicht verleugnen werde. Da wurde der Markgraf samt seinen Ratsherren zornig über mich, denn es sagte einer von den Ratsherrn, er wollte mich auf eine Galeere senden; aber ich erwiderte: Tut mit mir nach eurem Wohlgefallen.

Darauf sagte der Markgraf: Ich will ihm nicht so viel Liebe erweisen, sondern wir wollen ihn an einen Pfahl stellen lassen; ich erwiderte: Ich bringe mein Urteil ja vor eure Augen, wobei ich ihm erzählte, daß, als ich das letzte Mal gefangen saß, mir bei Todesstrafe verboten worden sei, ein geistliches Lied zu singen, und daß ich mich hüten sollte, nicht unter solchen Menschen erfunden zu werden; dieses aber sage nicht, als ob ich jetzt noch kühner geworden wäre, denn wenn mir dies auch zuvor niemals verboten gewesen wäre, so will ich meinen Herrn und Gott doch nicht verleugnen. Darauf fragte mich der Markgraf: Gehört ihnen deine Mutter auch an? Ich antwortete ihm: Das sähe ich gern, und sagte ihm: Als ich zu spielen, mich trunken zu trinken und der Welt nachzufolgen pflegte, da ließ man mich in Ruhe, nun ich aber den Namen Gottes recht bekenne, so verfolgt man mich; aber es geht, wie der Prophet Jesaja sagt: Die Wahrheit ist auf den Gassen gefallen; und Recht kann nicht einhergehen, und wer vom Bösen weicht, muss jedermanns Raub sein.

Da sagte einer von den Ratsherren zu mir, hast du auch gestohlen? Darauf fragte ich ihn zwei- oder dreimal: Hast du solches jemals von mir gehört? Aber er antwortete mir nicht darauf. Da redeten sie mir freundlich zu und sagten: Willst du dieses alles, das du hier geredet hast, widerrufen, so wollen wir dieses Papier in Stücke zerreißen und dir Gnade erweisen.

Auch sagte der Markgraf: Erinnere dich doch, wie es deiner Schwester ergangen ist, welche ich auch in die Schelde habe werfen lassen; aber ich sagte, daß sie für die Wahrheit gestorben wäre, und was mich beträfe, so wollte ich meinen Herrn und meinen Gott, der mich erschaffen und gemacht hat, nicht verleugnen; ich will lieber, daß ihr tut, was ihr wollt. Darauf sagte der Markgraf: Meinst du, daß wir nicht auch lesen können; wir lesen auch täglich die Schrift; aber diese Schuhflicker und Schneider wollen weiser sein als wir; ich bin sehr froh, daß wir dich in Händen haben, denn Gott der Herr hat dich ohne Zweifel in dieses Haus gesandt, damit ich Strafe an dir ausüben könnte, woran ein anderer ein Beispiel und einen Spiegel nehmen kann; er gab mir auch viele Schimpfnamen und sagte: Du hast oft in meinem Hause gegessen und getrunken, es ist mir leid, daß ich dir nicht habe die Kehle zugeschnürt; er fragte mich auch: Wenn du nicht gefangen wärst, würdest du dich wieder taufen lassen? Darauf sagte ich ihm, willst du mich morgen frei lassen, so will ich mich bemühen, daß ich die Taufe empfange, denn solches kommt den Gläubigen zu.

Darauf fragte er mich: Willst du nichts anderes bekennen? Er fragte mich auch wegen der Fürsten und Herren, und wegen des Papstes zu Rom; darauf erwiderte ich: Ich halte den allmächtigen Gott für meinen obersten Schöpfer und für meinen König; dann sagte der Markgraf: Ich habe zu Hause ein Büchlein in Schmasche eingebunden; darauf antwortete ich: Mein Herr, das Büchlein hat mir zugehört, und wenn du dieses Büchlein liest, so wirst du darin unsern Glauben finden; er sagte: Sie sind zuerst von dem Papste zu Rom herausgekommen. Ich sagte: Dafür halte ich sie nicht, sondern es ist das Testament, das uns von Gott zu einem Andenken hinterlassen ist. Da ward er zornig und entrüstet auf mich, und sagte: Ich wollte, daß ich dich mein Leben lang nicht gesehen hätte, und fügte mit erzürntem Gemüte hinzu: Geh nun hinweg von hier, denn ich und diese Ratsherren sind zu dir gekommen, um dich zu unterweisen; aber wir wollen dir andere gelehrte Männer zusenden. Da bedankte ich mich sehr für die Mühe, die sie sich mit mir gegeben hatten.

Meine lieben Freunde, ich fürchtete sie nicht, wie sehr sie mir auch drohten. Johannes in seinem 12. Kapitel, Vers 25 sagt: Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren, wer es aber um meines Namens willen verliert, der wird es finden. Sie meinten mir viel Leids anzutun, aber ich fürchtete sie gar nicht; ich hoffe, bald vom Fleische erlöst zu sein. Meine lieben Freunde, fürchtet doch nicht diejenigen, die den Leib hier töten, sondern fürchtet den, der euch erschaffen und gemacht hat, und Macht hat, euch in das ewige und höllische Feuer zu werfen.

Hiermit bleibt dem Herrn und der mächtigen Hand Gottes anbefohlen, derselbe wolle euch führen und bewahren, meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn. Sie fragten mich auch, ob ich zur Seligkeit gelangen könnte, da ich die Taufe nicht empfangen hätte; darauf sagte ich: Ja, denn ich hoffe, der Herr werde meinen geneigten Willen ansehen, indem er auch Abrahams guten Willen angesehen hat. Brüder und Schwestern, bittet für mich, damit ich mit Gottes Hilfe standhaft bleiben möge bis ans Ende. Ich hoffe, ihr haltet mich auch für euern Bruder, obgleich ich nicht zur Vollkommenheit gekommen bin.

Geschrieben von mir, Lorenz von der Leyen, den 10. Juli 1559, zu Antwerpen.