2.297  Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an die Brüder und Schwestern geschrieben hat, als er zum Tode verurteilt war.

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Vater, und seinem Sohne Jesu Christo, unserm Herrn, welcher sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat, damit er uns von dieser gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen seines Vaters, erlöse; ihm sei Lob, Preis, Ehre und Danksagung von nun an bis in Ewigkeit, Amen.

Mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, wie auch alle lieben Brüder und Schwestern der Gemeinde zu GH! Mein Herz war geneigt, als ich mein Todesurteil empfangen hatte, ein wenig an euch und mein geliebtes Weib (welche ich euch nun anbefehle und dem Worte Gottes) zu schreiben, aus einem recht zugeneigten Gemüte und aufrichtiger, ungeheuchelter brüderlicher Liebe, die ich bis an den Tod zu euch trage. Es ist meine brüderliche Ermahnung und Bitte an euch alle, daß ihr euch vor denen nicht fürchten wollt, die den Leib töten, denn sie haben nachher keine Macht mehr; so sagt auch Petrus: Fürchtet euch nicht vor ihrem Trotzen, und erschreckt nicht, damit ihr nicht entsetzt, sondern heiligt Gott den Herrn in euren Herzen; gleichwie er auch ferner sagt (liebe Brüder und Schwestern in dem Herrn): Lasst euch die Hitze, die euch begegnet, nicht befremden, die euch deshalb widerfährt, daß ihr versucht werdet, als widerführe euch etwas Seltsames, sondern freut euch, daß ihr mit Christo leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Der Apostel hat uns mit Recht ermahnt, daß wir uns freuen sollen; solches kann ich mit Wahrheit schreiben, denn es ist mir nun schon vor meinem Tode begegnet, wiewohl das Urteil schon über mich ergangen ist. Als ich in Bande gelegt wurde, hatte ich sogleich eine große Freude nach dem Geiste, und obschon das Fleisch viel Nachdenken und Überlegung hatte, so war ich doch nach dem Geiste erfreut, weil ich von Gott dazu ausersehen war, um für seinen Namen zu leiden. Als ich aber den Glauben vor der Obrigkeit bekannt hatte und damals sehr gefoltert wurde, fühlte ich, daß Gott mit mir war, denn er gab mir solche Kraft, daß, welcherlei Leiden und Qual sie mir auch schon antaten, sie dennoch nichts von mir erfuhren, als was zu des Herrn Preise und zu meiner Seligkeit diente, weshalb sie auch zornig wurden und fragten, ob ich noch nichts sagen wollte; denn, sagten sie, wir haben Macht, dich alle Tage so zu foltern. Ich erwiderte: Der Leib gehört euch, tut damit nach eurem Wohlgefallen. Als dieses alles geschehen war, wurde meine Freude sehr vermehrt; ich konnte des Herrn Lob nicht aussprechen und ihm nicht genug für seine Gnade danken, die er mir gegeben hat, weil ich gewürdigt worden bin, für seinen Namen zu leiden, und das Wort mit meinem Blute zu versiegeln; denn die Mahlzeiten, die ich damals empfing, und die Pein blieb in meinen Gliedern bis auf den letzten Tag, dem Herrn sei ewig Lob, denn ich hatte diese Züchtigung um meiner Sünden und Missetat willen wohl verdient.

Nach der Zeit bin ich zweimal vor einen Mönch gebracht worden; das erste Mal wollte er meinen Glauben wissen. Ich sagte: Frage darum die Obrigkeit, vor welcher ich ihn bekannt habe; darauf fing er an, von der Menschwerdung und der Taufe vieles zu erzählen; als er ausgeredet hatte, fragte ich ihn, ob er damit meinen Glauben wankend zu machen gedächte, denn ich dachte ihm das Gegenteil zu beweisen; aber er wollte meine Verantwortung nicht anhören und fing an, viel lästerliche Worte gegen Menno und seine Bücher auszustoßen, die er, wie er sagte, oft gelesen, und worin er viele Lügen gefunden hätte. Ich erwiderte: Hole sie alle hierher, und laß uns eine Woche lang darüber handeln. Er sagte: Du bist der Mann nicht; man wird sich mit dir nicht so viele Mühe geben. Wir redeten noch viel von seiner Lehre und Gemeinde, was zu weitläufig sein würde, niederzuschreiben, und so schied ich von ihm.

Darauf wurde ich noch einmal vor ihn gebracht; er hatte noch einen andern bei sich und wollte viel von dem Sakramente der Taufe und der Menschwerdung handeln, aber ich sagte: Du wolltest mir keine Verantwortung zugestehen, als ich neulich bei dir war, darum begehre ich nun auch nicht, mit dir zu reden. Hiermit war er nicht wohl zufrieden und sagte, er wollte mich mit des Markgrafen Werkzeugen wohl reden machen, fragte mich auch, ob ich mich meines Glaubens schämte. Ich erwiderte: Ich habe mich nicht geschämt, denselben vor der Obrigkeit zu bekennen; aber mit euch will ich nichts zu schaffen haben. Wir beschlossen untereinander, daß wir alle dasselbe tun wollten; ich will auch einem jeden raten, dasselbe zu tun, denn es nützt nichts, was man auch mit ihnen handelt, indem es fleischliche Menschen sind. Nachher wurde ich zum Tode verurteilt, da war meine Freude so vollkommen, weil meine Erlösung so nahe war, daß ich es nicht aussprechen konnte; ich nahm hierbei des Wortes des Apostels wahr: Freut euch darüber, daß ihr des Leidens Christi teilhaftig geworden seid, damit ich am Tage seiner Offenbarung große Freude und Trost haben möchte, und daß er weiter sagt: Selig seid ihr, wenn ihr um des Namens Christi willen leidet, denn die Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch, aber bei ihnen wird er gelästert. Als ich nun hieran und an mehrere andere Schriftstellen dachte, und als ich sah, daß Leiden und Trübsal so schnell vorübergingen, und daß mir solche schöne Verheißungen gegeben waren, daß ich in die Ruhe zu meinen lieben Brüdern und Schwestern eingehen sollte, die vorangegangen sind und unter dem Altar liegen, und alle unsere Mitbrüder und Schwestern erwarten, die uns auch nachfolgen werden. Als ich dieses, wie gesagt, im Geiste ansah, so musste alle Trübsal von mir weichen.

Meine lieben Brüder, dieses schreibe ich euch nicht aus Ruhm, sondern euren Gemütern zum Troste und zur Stärkung, damit ihr euch vor denen nicht fürchtet, die den Leib töten, denn sie haben nachher keine Macht mehr, sondern, damit ihr, liebe Brüder und Schwestern, tapfer und wohlgemut sein und allezeit eurer Vorgänger gedenken mögt, die euch das Wort Gottes gesagt haben, wie Paulus sagt: Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, deren Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach. Darum, meine Geliebtesten, seid allezeit fleißig untereinander, mit Ermahnen, mit Lesen, mit Bitten, und verlasst eure Versammlung nicht, sondern ermahnt euch untereinander zur Liebe und zu guten Werken; seid fest zusammen verbunden in der Liebe, und seid gastfrei untereinander; habt untereinander allezeit ein Herz und eine Seele, damit, wenn ihr in Banden geratet, das Gemüt alsdann frei stehen möge.

Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen und dem Worte seiner Gnade, Amen. Nun gute Nacht, gute Nacht, ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn. Geschrieben von mir, Jelis Bernarts, an euch, meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, aus meines Herzens Grunde und aus rechter Liebe, Amen.