2.272  Der dritte Brief von Joris Wippe an seine Kinder, als er abermals aus dem Haag nach Dortrecht geführt wurde.

Ein ehrbares, tugendhaftes, gottseliges Leben in der Furcht Gottes alle Tage eures Lebens zum Preis des Vaters und eurer Seelen Seligkeit, wünsche ich euch, meine herzlich geliebten und gehorsamen Kinder zum herzlichen Gruß, Amen.

Meine herzlich und sehr geliebten drei Söhne, es ist euch nun, wie ich hoffe, wohl bekannt, daß ich hier um des Zeugnisses Christi, unseres Seligmachers, willen, zum Preis seines allmächtigen Vaters in Banden liege, und alle Tage mit Geduld erwarte, wenn es ihm gefällt, meinen Leib und meine Seele zur Verherrlichung seines heiligen Namens aufzuopfern. Ich bitte euch, meine lieben Söhne, mit dem alten Tobias, daß ihr eure arme beraubte Mutter, welcher um des Namens des Herrn willen alles genommen worden ist, alle Tage eures Lebens in Ehren halten wollt, denn sie hat euch, wie mir bekannt ist, unter großen Schmerzen und Pein zur Welt gebracht, und euch unter des Herrn Hilfe mit großer Sorge und Fleiß so weit bringen helfen; ich bin nun bisher euer Vorsteher gewesen, mit großem Fleiß und Sorgfalt, um euch in der Furcht Gottes zu seinen Ehren aufzuziehen; nun ist es der Wille des Herrn, daß wir scheiden müssen, und lasst euch solches nicht verdrießen. Werdet ihr aber nach der Tugend streben, in der Furcht Gottes wandeln und seine Gebote halten alle Tage eures Lebens, so werden wir endlich mit allen auserwählten Kindern Gottes in der Auferstehung der Gerechten in einen Schafstall versammelt werden; ich ermahne euch mit Tobias, daß ihr alle Tage eures Lebens Gott fürchten, niemals in die Sünde einwilligen, oder auch Gottes Gebote übertreten wollet, und daß ihr euer Brot mit den Hungrigen essen und Almosen geben wollt, von dem, was euch der Herr darreicht. Summa, dasselbe Testament, welches Tobias seinem Sohne gab, das gebe ich euch auch, ihr könnt wohl lesen, ich bitte euch, daß ihr dasselbe oftmals lest; und alles, was unsere heiligen Väter ihren Kindern geboten haben, das lasse ich auch euch, damit ihr solches fleißig haltet.

Ich segne euch nun alle, meine gehorsamen, lieben und sehr geliebten Kinder, mit dem Gott, womit Abraham, Issak und Jakob ihre Kinder und alle auserwählten Freunde Gottes gesegnet haben; ferner ermahne ich dich, Joos, als meinen ältesten Sohn, und Hansken, meinen zweiten Sohn, daß ihr alle Tage eures Lebens eurer armen Mutter Vorsteher in der Furcht Gottes sein wollt, und solches befehle ich auch dir, Barbertgen, meiner lieben Tochter, daß du deiner Mutter gehorsam sein, und ihr dabei behilflich sein wollest, für alle eure kleinen Schwestern und Pierken Sorge zu tragen; lernt auch lesen und seid fleißig in allen guten Werken, damit ihr euer Leben in Heiligkeit und in der Furcht Gottes zubringen mögt, gleichwie Sarah, des jungen Tobias Weib, und haltet euch nicht zu den unzüchtigen, leichtfertigen Töchtern dieser Welt, deren Ende die Verdammnis sein wird, sondern seid nüchtern, ehrbar und rechtschaffen in allem Handel, damit ihr behutsam sein und mit allen Tugenden geziert werden mögt, damit ihr, wenn Christus, unser Bräutigam, kommt, mit den fünf klugen Jungfrauen bereit sein mögt, um mit dem Bräutigam in seines Vaters Reich einzugehen. Und nun befehle ich dir, Joos und Hansken, daß ihr mit eurer gehorsamen Schwester Barbertgen für eure drei kleinen Schwestern und für Pierken Sorge tragen wollt, daß ihr sie lesen und arbeiten lehrt, damit sie in aller Gerechtigkeit zur Ehre Gottes und ihrer Seelen Seligkeit aufwachsen. Seid fleißig zu arbeiten mit euren Händen, was ehrbar ist, und gedenkt der Worte des Apostels: Es ist seliger geben als nehmen; damit ihr durch eure Trägheit niemanden beschwerlich fallen mögt; bleibt bei eurer Mutter, solange es dem Herrn gefällt, und stellt euch in allen Dingen als ein Vorbild der guten Werke dar. Werdet ihr aber dienen, so ermahne ich euch, daß ihr eurem Herrn oder Meister untertänig seid und euch ihm wohlgefällig erweist, ihm nicht widersprecht, noch ihn herumtragt, sondern ihm gute Treue in allen Dingen erweist, damit ihr die Lehre Gottes, unsers Seligmachers, in allen Dingen ziert; denn die Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen und lehrt uns, daß wir das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste verleugnen und in dieser Welt züchtig, gerecht und gottselig leben, und die selige Hoffnung und Offenbarung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Seligmachers Jesu Christi erwarten sollen, der sich selbst für uns dahingegeben hat, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse, und ihm selbst ein Volk des Eigentums reinige, das zu guten Werken fleißig wäre; ich ermahne euch alle, meine lieben Kinder, daß ihr solches tut; tröstet eure Mutter, und lest ihr oft, wenn ihr Zeit habt, ein oder zwei Kapitel vor, und bringt die Zeit zu, die euch Gott gibt, in aller Mäßigkeit und Gerechtigkeit, mit Bitten und Flehen zu Gott, daß er euch vor dem Bösen bewahren wolle; habt keine Gemeinschaft mit den Kindern dieser Welt, damit ihr nicht samt ihnen ihrer bösen Werke teilhaftig werdet; haltet allezeit Umgang mit den Weisen, so werdet auch ihr weise werden, nämlich tapfer und freimütig, daß ihr euch vor dem Argen hütet und alle Dinge nach dem Gesetze Gottes tut; weicht nicht, weder zur Rechten noch zur Linken; tut auch nichts dazu, noch davon, damit ihr vorsichtig wandeln mögt, wo ihr hingeht, und lasst euch nicht erschrecken, denn euer Herr, euer Gott, ist mit euch, wo ihr hingeht, und wird euer Beschützer sein; redet auch allezeit die Wahrheit; euer Mund gewöhne sich nicht zum Lügen; denn ein Mund, der da lügt, tötet die Seele; wenn ihr aber redet, so redet Gottes Wort; dann wird euch der Herr, euer Gott, wohl forthelfen von einer Gerechtigkeit zu andern, denn vor ihm ist nichts verborgen, seine Augen sind, wie Feuerflammen.

Hiermit nehme ich einen ewigen Abschied von euch, meine lieben Kinder, bis zur Auferstehung, und befehle euch sämtlich dem allmächtigen Gotte und dem Worte seiner Gnade, Amen.

Der Geist müsse über euch bereit sein, um euch in aller Gerechtigkeit zu trösten und zu stärken.

Geschrieben von mir, Joris Wippe, eurem Vater, gefangen zu Dortrecht auf der Buylpforte um des Zeugnisses Jesu Christi willen.