2.248  Noch ein Brief, den Thomas von Imbroek aus dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben hat.

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater, und die reine Liebe seines Sohnes Jesu Christi wünsche ich dir, mein liebes Weib, daß sie vollkommen sei in deinem Herzen, damit du dadurch von allen sichtbaren Dingen zu den unsichtbaren und ewigen hingezogen werden mögest, durch Hilfe und Mitwirkung seines Heiligen Geistes, welcher die Kinder Gottes führt und regiert; ihm sei Lob und Preis in Ewigkeit, Amen.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, für seine große und unaussprechliche Gnade, die er uns durch seine mildreiche Güte mitgeteilt und uns in das Reich seines geliebten Sohnes gezogen hat, durch welchen wir die Erlösung von allen unsern Sünden in seinem Blute empfangen haben.

Darum sollten auch wir billig nicht aufhören, ihm allezeit mit großer Demut zu dienen als dankbare und gehorsame Kinder und die Gnade nicht gering achten, die uns widerfahren ist, sondern mit Ernst bedenken, warum und wozu sie uns gegeben ist, nämlich, daß wir damit handeln und gewinnen sollen, damit wir die liebliche Stimme hören möchten, die da sagt: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig getreu gewesen, ich will dich über viel setzen.

Laß dir dieses zur Ermahnung dienen, daß der Kaufmann alles verkauft hat, was er hatte, und den Acker gekauft hat, worin der Schatz lag. In eben dieser Weise sollst du nun auch denken, daß du deinen Mann dem Herrn mit Jephtah gern schenkst, der seine Tochter dem Herrn aufopferte, oder ferner merke auf mit dem frommen Vater aller Gläubigen, Abraham, welcher im Glauben nicht schwach geworden ist, und seinen Sohn Isaak willig übergeben hat, um dem gewaltigen Gott Gehorsam zu erweisen, der jedermann Leben und Atem gibt.

Auch sollt ihr des geduldigen Hiob euch erinnern, der in seiner Anfechtung mit aller Sanftmut sprach: Ich bin nackend von meiner Mutter Leib gekommen, nackend werde ich wieder dahinfahren: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s wieder genommen, wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gesegnet.

Auch darf Jakobus wohl sagen: Die Geduld Hiobs habt ihr gehört und das Ende des Herrn habt ihr gesehen; desgleichen sagt auch Paulus: Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen der Sünder gegen sich geduldet hat und er selbst hat keine Sünde erkannt; aber wir müssen bekennen, daß wir noch mehr Strafe verdient haben, als wir leiden, wiewohl dasselbe nützlich ist, wie geschrieben steht: Er straft uns zu Nutz, es dient uns allen zum Besten.

Darum begehre ich von dir, meine liebe Freundin, du wollest unverzagt sein in dem Herrn und dich nicht betrüben, denn ich habe wohl gemerkt, daß du mager geworden bist und an dem Fleische abgenommen hast. Freue dich mit mir und danke Gott, daß wir nicht Bastarde bleiben, sondern daß er sich unserer väterlich annimmt, als Kinder und Miterben seines Reiches, welche mit seinem Sohne hier auf Erden gleichen Lohn empfangen, und das um seines Zeugnisses willen.

Warum sollten wir nicht das Böse leiden, da wir doch das Gute von ihm empfangen haben. Wenn wir aber traurig sein wollen, so haben wir ja Ursache genug, verstehe aber nur die göttliche Traurigkeit, denn wir können uns wohl in Wahrheit beklagen, daß wir noch sehr ungeschickt sind; wie du mir denn schreibst, daß du nicht wohl beten kannst, eben wie auch ich unvollkommen bin, denn nach meinem Erachten ist das die Ursache, weil wir nicht genug Missfallen an uns selbst haben, oder, weil wir der Dornen nicht gewahr werden, die in unserm Fleische stecken.

Der Herr wolle sich über uns erbarmen und uns die Augen des Verstandes öffnen, damit wir so die Sünder hassen mögen, wie sie Gott selbst hasst, denn dann hat er ein Wohlgefallen an uns, wie auch der heilige David sagt: Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach, du Herr, wie lange, wende dich, Herr, und errette meine Seele, hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen. Ich bin so müde vom Seufzen. Ich befeuchte mein Bett die ganze Nacht und netze es mit meinen Tränen.

Wo sind doch die Tränen, die wir vergossen haben, mein liebes Weib, um unserer vorhergehenden Sünden willen? Wo unsere Seele bis zum Tode verwundet worden, ja, beiderseits zur Hölle versunken ist. Wir singen wohl: Ich bekenne meine Übertretung, und meine Sünde ist allezeit vor mir, aber es wäre uns viel besser, aus der tiefen Not des Herzens zu klagen und so mit einem zerbrochenen, zerschlagenen und brünstigen Herzen zu bitten, wie wir solches nun finden, da wir Trübsal und Leiden im Fleische erfahren.

Also hat auch Esther bitten lernen, wenn sie spricht: O mein Herr, der du bist allein unser König, hilf mir Elenden, ich habe keinen andern Helfer, als dich; erlöse uns und hilf mir, denn du weißt alle Dinge, und weißt, daß ich den Weg der Ungerechtigkeit hasse und die Schlafkammer der Unbeschnittenen wie auch das Zeichen der Hoffart verachte.

Hier müssen wir merken, daß die fromme Frau einen Widerwillen an den kostbaren Kleidern hatte und dieselben mehr gehasst als geliebt habe. Hüte dich auch davor, und wenn du solche siehst, die ermahne scharf, denn es kommt nicht aus demütigem Herzen. Man spricht: Man muss die Läuse nicht in den Pelz setzen, man muss auch dem Fleisch keine Ursache geben zu sündigen; es ist doch leider arg genug.

Darum, meine liebe Schwester, habe kein Ansehen der Personen, denn der Glaube an Jesum leidet kein Ansehen der Personen, sondern strafe das Böse mit aller Freundlichkeit und Demut aus Liebe, und stelle dich selbst dar zum Vorbilde aller guten Werke und Ehrbarkeit, allen Frauen in der Frömmigkeit und Wortkargheit, denn wer die Zunge nicht im Zaume hält, der verführt sein Herz und sein Gottesdienst ist eitel.

Darum ermahne ich dich freundlich, weil du Zeit hast, daß du allen Fleiß anwendest; denn es ist nicht genug, daß wir im Gefängnisse den Namen des Herrn mit dem Munde bekennen, sondern wir müssen auch vor ihnen das Bekenntnis in der Kraft beweisen, denn wir wissen, daß sowohl derjenige sündigt, der außerhalb des Gefängnisses übertritt, als auch derjenige, welcher im Gefängnisse sündigt, obgleich es der eine aus Schwachheit, der andere aber aus Mutwillen tut.

Darum nimm deiner selbst wahr und sei allezeit bereit, denn wir wissen keine Zeit; so wache nun und halte deine Kleider rein, damit du nicht bloß wandelst, und deine Schande offenbar werde; sei allezeit zum Streite bereit, denn David spricht: Die Gerechten müssen viel leiden, aber der Herr hilft ihnen aus diesem allem; er bewahrt alle ihr Gebeine, daß nicht eins zerbrochen werde; er hilft den Armen von dem Schwerte der Gottlosen und den Dürftigen von der Hand des Mächtigen; ferner sagt Hiob: Selig ist der Mensch, welchen Gott züchtigt; darum weigere dich nicht der Züchtigung des Allmächtigen, denn er verwundet und verbindet; er schlägt, und seine Hand heilt.

Also sagt auch Paulus, daß er Christum und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seines Leidens zu erkennen verlange, daß ich seinem Tode, spricht er, gleichförmig werde, ob ich auch in der Auferstehung der Toten ihm begegnen möchte; darum müssen wir auch mit ihm trauern, damit wir auch mit ihm Freude haben mögen. Sagt nicht Christus: Selig sind, die weinen und klagen, denn sie sollen getröstet werden, ja, die Tränen werden abgewischt werden. Auch verlässt der Herr die unterdrückten Witwen nicht, wie geschrieben steht. Der Herr erhört das Gebet der Notleidenden und Bedrängten: So verachtet er auch nicht das Gebet der Witwen, die mitklagen und seufzen, dasselbe vor ihm ausgießen, ja, ihre Tränen steigen auch in den Himmel und der Herr wird sie erhören.

So laß uns nun gelassen stehen und also zu uns selbst sagen: O Herr! Allmächtiger König, alle Dinge sind in deiner Gewalt. Willst du mir meinen Mann wiedergeben, so ist niemand, der deinem Willen widerstehen kann. Du hast Himmel und Erde gemacht, samt allem, was in dem Bezirke des Himmels enthalten ist; du bist ein Herr aller Dinge; du bewahrst uns wie deinen Augapfel und hast durch den Mund Davids gesagt, daß wir unsere Last auf dich werfen sollen, denn du wirst für uns sorgen und nicht zugeben, daß die Gerechten ewiglich in Unfrieden bleiben. Alsdann wird dein Gebet erfüllt, wie du mir schreibst, daß du nicht anders bitten könnest, als nur: Herr, dein Wille geschehe. Ich wünsche dir auch von Gott, daß solches in der Wahrheit bei dir erfunden werden möge, und nicht, wie Israel zum Herrn rief: Sie nahten sich zu ihm mit ihrem Munde, und ehrten ihn mit ihren Lippen, aber ihr Herz war fern von ihm und sie wurden nicht treu erfunden in seinem Bunde; aber die seine Gebote halten, werden bitten, und was sie begehren (nach seinem Willen), das wird ihnen geschehen.

Darum sei guten Mutes und ziehe deine Kinder auf in Sitten und in der Furcht Gottes, damit die Art, die in ihnen ist, getötet werden möge, und nimm ein Beispiel an dir selbst, wie du sie in ihrer Schwachheit mit großer Mühe und Arbeit auferzogen hast, und reiche denen die Brust, welchen der Herr befohlen hat, Milch zu geben.

Also gib ihnen auch die Rute, nach des Herrn Befehle, wenn sie übertreten und halsstarrig sind, denn das ist auch eine Speise der Seelen, und treibt die Torheit aus, die in ihrem Herzen zusammengebunden ist. Gedenke an das Wort Sirachs, wo er spricht: Tue dich nicht freundlich zu deiner Tochter und zeige ihr nicht ein freundliches Angesicht, daß sie nicht kühn werde wider dich, und du zuletzt nicht ihretwegen Schande davontragen mögest; aber lehre sie das Gesetz unseres Gottes, damit sie ihre Hoffnung auf den Allmächtigen und Allerhöchsten setze und nimmermehr die Wohltaten vergesse, die uns durch Christum geschehen sind.

Auch bitte ich dich, daß sie, soviel als es möglich ist, von ungezogenen Kindern abgehalten werden mögen; gestatte ihnen auch nicht, daß sie auf die Straßen laufen, sondern halte sie zu Hause so viel als es möglich ist, damit du Freude und Leid zugleich mit ihnen habest und vergiss nicht die Art der Witwen, von welchen Paulus an den Timotheus schreibt, sondern setze deine Hoffnung fest auf den Herrn und erwarte also seiner in Geduld.

Nun wollest du gerne sterben, wie ich vernehme; wenn ich aber noch bei dir wäre und wir lebten miteinander in Frieden, dann wäre dir das Leben kein Kreuz.

Darum sollst du meines Wortes eingedenk sein, das ich oft gesagt habe, daß es Gläubigen gut sei, wenn sie Druck und Angst haben, damit wir alsdann erst mit Paulus sagen lernen: Wir seufzen und verlangen nach unserer Behausung, die im Himmel ist und begehren, damit überkleidet zu werden, doch so, daß wir bekleidet und nicht nackend erfunden werden, denn weil wir dieses Fleisch an uns tragen, sind wir beschwert, und haben vielmehr Lust, außer dem Fleische bei dem Herrn zu sein, als in dieser Fremde mit viel Betrübnis zu wandeln. Ach, Freund, wie wenig sind derer, die das sagen, ich meine unter denen, die Friede und Ruhe haben.

Darum danke dem Herrn, weil er Gnade gegeben und, vielleicht zu unserm Besten, mich deinen Augen entnommen hat, denn er ist ein eifersüchtiger Gott; er will der Liebste sein und das Herz des Menschen allein besitzen. So hast du auch Gott gebeten, daß er alles aus dem Wege räumen wolle, was dir an deiner Seligkeit hinderlich ist. Darum denke, daß er uns beide so geprüft habe und laß uns das Joch gutwillig aufnehmen, und dasselbe für eine große Freude achten. Was ist dieser Welt Leiden? Nichts anderes, als ein Traum, wie David sagt: Wenn der Herr das Gefängnis Zions wenden wird, so werden wir wie Träumende sein; dann wird unser Mund voll Lachens sein.

Denn es geht uns wie einem Weibe in Kindesnöten; wenn das Kind geboren ist, so will sie dasselbe nicht geben um der Schmerzen willen, die vorhergegangen sind; so auch wir, wenn wir eines Kindes genesen sind, so nehmen wir die ganze Welt nicht dafür.

Darum hüte dich, daß du dich weder zum Zorne, noch zur Furcht bewegen lassest, damit das Kind zu seiner Zeit geboren werden möge. Nimm Nahrung und Speise von dem Manne Christo, damit du zur Arbeit stark sein mögest, und versäume nicht, die rechte Speise (nämlich Gottes Wort) zu dir zu nehmen. Gedenke an Israel, die des Himmelsbrotes satt wurden. Der Herr gebe dir eine gesunde Seele und einen hitzigen Magen der Liebe, damit die Speise wohl verdaut werden möge, Amen.

Die Gnade des Herrn vermehre sich bei dir, mein liebes Weib; sei allezeit gehorsam den Gottesfürchtigen und halte dich zu den Frommen; bitte auch Gott für mich, daß er mich immer bei der Wahrheit erhalten wolle, denn sie ist und bleibt stark in Ewigkeit; sie lebt, und wird den Ruhm davon tragen ewiglich.

Grüße mir alle Heiligen mit dem Kusse der Liebe, samt allen, die den Herrn Jesum lieb haben und sage ihnen, daß sie fröhlich sein sollen, denn Gott ist der Held und Herzog, welcher in der Not so treulich beisteht. Er ist wie der Regen im trocknen Sommer auf dem dürren Erdreiche, denn er erquickt die betrübten Gemüter, die nach ihm dürsten; er ist ein Schatten gegen die Hitze der Sonnen.

Sage den Brüdern, daß sie für die Ankömmlinge sorgen, und daß sie ernstlich für mich bitten; ich will auch für sie anhalten, so viel als in mir ist. Gedenke meiner Banden. Der Herr wolle mit deinem Geiste sein, Amen.

Dein lieber Mann, Thomas von Imbroek, gefangen um des Zeugnisses Jesu willen.

Dieser Thomas von Imbroek hat ein schönes Bekenntnis von der Taufe getan, desgleichen eine Verteidigung gegen die Widersprecher über denselben Gegenstand geschrieben, welche Abhandlungen er dem Regierungsrate der Stadt Köln übergeben hat. Hiervon siehe Teil 1.