2.223  Ein Testament, welches Georg Simonß seinem Sohne Simon hinterlassen hat.

Ein Testament, welches Georg Simonß seinem Sohne Simon hinterlassen hat, als er um des Herrn Wortes willen in Haarlem gefangen saß; derselbe ist nachher, den 26. April 1557 getötet worden.

Gott, durch seine große Barmherzigkeit, wolle meinem Sohne Simon verleihen, in Tugenden aufzuwachsen und ihn, wenn der Herr ihn zu seinem Verstande kommen lässt, zu erkennen, und wenn er seinen Willen erkannt haben wird, sein Leben darnach einzurichten, um ewig selig zu werden durch seinen geliebten Sohn Jesum Christum samt dem heiligen Geiste, Amen.

Mein Kind und lieber Sohn, neige dein Ohr zu deines Vaters Ermahnung und merke auf seine Reden und Erzählung, wie er sein Leben angefangen und geendigt habe!

Der Anfang meines Lebens ist unnütz, hoffärtig, aufgeblasen, dem Saufen ergeben, eigennützig, lügenhaft und voll aller Abgötterei gewesen. Als ich nun zu meinen Jahren kam und mein männliches Alter erreichte, suchte ich nichts anderes, als was meinem Fleische wohlgefiel, ein faules, üppiges Leben; ich war nach schändlichem Gewinn begierig, ich suchte meines Nachbarn Tochter zu Fall zu bringen, wie solches leider an der Tat, die von mir geschehen, zu erkennen ist; auch ist es schändlich zu sagen, was ich im Verborgenen getan habe, ja, ich war eben ein Gefäß voller Untugend. Aber mein liebes Kind! Als ich mich zur Schrift wandte, diese durchsuchte und durchlas, fand ich, daß mein Leben den ewigen Tod zu erwarten hätte, ja, daß mir das ewige Wehe über dem Haupte hing, und der feurige Pfuhl, der von Schwefel und Pech brennt, mir zubereitet sei. Solches, sage ich, hatte ich zu erwarten, laut der Worte Pauli, wenn er sagt: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben.

Als ich solches zu Herzen nahm, erschrak ich sehr und fürchtete mich; ich habe daher das Wort Gottes zu meinem Ratgeber angenommen, wie mir wohl am besten zu raten wäre. Hier eine geringe Zeit ein wollüstiges Leben zu führen und die ewige höllische Pein zu erwarten; oder hier ein geringes Elend, wenn man es anders Elend nennen mag, zu dulden, und nachher die ewige Freude zu genießen; ich fand in der Schrift: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner Seele, denn er hat nichts, um sie zu erlösen. Darum, mein geliebter Sohn, habe ich es für besser erachtet, mit den Kindern Gottes, wie Mose, eine geringe Zeit Ungemach zu leiden, als mit der Welt, die doch vergehen wird, in aller Wollust zu leben. Darum habe ich mein Gemach freiwillig und ungezwungen verlassen, und habe mich auf den engen Weg begeben, um Christo, meinem Haupte, nach zu wandeln, wohl wissend, daß, wenn ich ihm bis ans Ende nachfolge, ich nicht im Finstern wandeln werde. Als ich nun das alte Verdammliche zum Teil abgelegt und verworfen hatte, und eine neue göttliche Kreatur zu sein begehrte, sowie ein frommes, bußfertiges, gottseliges Leben zu führen, so wurde ich sogleich, wie alle Frommen, die vor mir gewesen sind, gehasst, ja, in Haarlem auf St. Jans-Pforte gefangen gesetzt.

Dieses, mein lieber Sohn, ist mein Leben gewesen bis zur Zeit, als mich der Herr erleuchtete. Vor allen Dingen, mein liebes Kind, will ich dich herzlich gewarnt, ermahnt und gebeten haben, daß du dich hüten wollest, alle Bosheit zu meiden, und daß du von deiner Kindheit an in der Furcht des Herrn wandeln wollest, welches ist der Weisheit Anfang; und wenn dir Gott seine Weisheit offenbaren wird, so zögere nicht, darin zu wandeln, denn der Tod geht sowohl den Jungen als den Alten nach. Nimm doch die Zeit wahr, die dir von Gott zur Besserung vergönnt ist, habe deinen Umgang mit den Guten und hüte dich vor den Verkehrten; wenn dich die Sünder locken, so falle ihnen nicht zu, und geselle dich nicht zu ihnen, wehre deinen Füßen vor ihren Pfaden, ihre Gänge führen zur Verdammnis. Darum rühre kein Pech an, damit du nicht besudelt werdest, denn auf den Bösen wartet ein böses Ende, welches überall die Last tragen soll. Hüte dich, mein Sohn, vor diesem und vor allem Argen, und denke daran, was Paulus sagt, daß wir alle vor Christi Richterstuhl dargestellt werden müssen, damit ein jeder an seinem Leibe empfange, nachdem er getan hat, es sei gut oder böse; das Fleisch wird dir keinen guten Rat geben. Darum darf Paulus wohl sagen: Fleischlich gesinnt sein ist der Tod, ja, die fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Darum töte deine fleischlichen Glieder, die auf Erden sind. Lies Paulus, oder laß ihn lesen, er wird dir wohl sagen, welche die Werke des Fleisches sind. Hast du Zeit und Gelegenheit, so wende Ernst und Fleiß an, lesen und schreiben zu lernen, damit du besser lernen und wissen mögest, was der Herr von dir fordert.

Geliebter Sohn! Meines Herzens Wunsch und Bitte ist zum Herrn für dich, daß deine Seele vor der Sündflut des Zornes Gottes beschützt werden möchte, welche über alle Gottlosen kommen wird, die nicht nach dem Herrn gefragt haben und in seinen Geboten nicht gewandelt sind. Diesem zukünftigen Zorne kannst du nicht besser entgehen, als wenn du auf Jesum Christum, den Sohn des allmächtigen und ewigen Vaters, siehst, welcher aller Gläubigen Haupt und Vorbild, ja, der Herzog des Glaubens und der Vollender ist. Frage ihn um Rat, was für dich das Beste und Nötigste zu tun sei; er wird es dir sagen. Klopfe an die Tür seiner heiligen Dreifaltigkeit und bete ihn an, er wird dir auftun und dir dasjenige geben, was dir nötig ist. Habe Lust und Hunger nach der Weisheit, so wirst du gesättigt werden. Trachte nicht nach hohen zeitlichen Dingen, denn obgleich diejenigen, die sie erlangen, von dem gemeinen Volke selig genannt und gepriesen werden, so sind sie doch vor Gott unselig und verwerflich. Darum demütige dich unter die gewaltige Hand Gottes, damit du in Ewigkeit erfreut werden mögest.

Sieh wie es ihm und allen Frommen vor und nach ihm ergangen ist; seine Geburt war arm und voller Elend, er musste vor Herodes flüchten, denn er trachtete ihm nach dem Leben; er hatte, als er litt, nichts, worauf sein Haupt ruhen konnte. Und für alle diese großen und herrlichen Wohltaten hatte er das zum Danke, daß er ein Verführer, Weinsäufer, Samariter und von dem Teufel besessen heißen musste; überdies musste er sich noch vor ihren Steinen hüten, bis sie ihn (als die Zeit erfüllt war) zum allerschändlichsten Tode verdammten. Und ehe das Gesetz offenbar war, musste auch der fromme Abel von seinem Bruder Kain leiden, welcher ihn aus lauter Hass und Neid (weil seines Bruder Werke gut und Gott angenehm, die seinen aber böse und verwerflich waren) getötet hat; auch haben alle lieben Propheten, die das Wort Gottes verstanden und danach lebten, ohne Ansehen der Person vieles leiden müssen; Micha, der zu des Königs Ahabs Zeiten unter vierhundert falschen Propheten allein wahrhaftig erfunden wurde, musste von Zedekia geschlagen und nachher in einen Kerker geworfen werden; Elia, der unter 450 falschen Priestern der Isabel allein wahrhaftig war, hatte auch vieles zu leiden; daher darf Paulus wohl sagen (denn er hatte es selbst erfahren), daß alle, die in Christo gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müssen.

Dieses haben auch alle anderen frommen Zeugen Christi versucht und sind bis ans Ende standhaft geblieben; darum ist ihnen auch (nach der Schrift) die Krone zubereitet; denn solches bezeugt der Mund Christi selbst, daß, wer standhaft bleibt bis ans Ende, soll selig werden, wer überwindet, soll alles besitzen, mit weißen Kleidern angetan werden und vom Baume des Lebens essen, welcher mitten im Paradiese steht.

Mein geliebter Sohn! Überlege dieses, darauf richte Tag und Nacht deine Gedanken, nämlich: Der Welt zu sterben, und Christi Willen zu vollbringen. Vor allem hüte dich vor allen falschen Propheten, Heuchlern und Scheinheiligen, welche zu meiner Zeit Pfaffen und Mönche waren, und die, wie ich besorge, zu deiner Zeit nicht mangeln werden, solange ihnen fette Suppen folgen; glaube ihnen nicht, denn sie sind Betrüger und töten der Leute Seelen. Mein Sohn, der dieses schreibt, hat es durch Erfahrung und Untersuchung gelernt, denn er hat selbst aus diesem Kelche getrunken. Halte dich auch zu keiner Sekte, deren es zu meiner Zeit viele gab, wie Lutherische, Zwinglische und andere mehr, welche, obgleich sie den Schein des Guten haben, dennoch im Grunde böse und ein tödliches Gift sind. Sieh dich um nach einem kleinen Häuflein, dessen Lebensregel mit den Geboten Gottes genau übereinkommt, und deren Kirchengebräuche oder Sakramente mit dem Befehle Christi und dem Gebrauche der Apostel übereinstimmen; das ist die rechte Gemeinde Christi, die ohne Runzel oder Flecken ist; diese ist Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Beine; diese haben auch Lehrer, die, nach Paulus Lehre, unsträflich sind in allem; die gehorsame Kinder und gläubige Weiber haben; die nichts wissen von Rechten und Prozessen, vom Fluchen und Schwören, von Hass und Neid, von Lügen und Betrügen, von Unkeuschheit und Ehebruch; wo lauter Liebe, Friede, Einigkeit und Wahrheit zu finden ist, welches die Früchte des Geistes sind, wie Paulus lehrt.

Mein lieber Sohn und geliebtes Kind, dieses ist mein ernstlicher und letzter Wille, mein Testament an dich; ich begehre von dir, du wollest solches mit Fleiß durchlesen, wohl überlegen, und es neben die Schrift legen, um deinen Wandel darnach einzurichten. Merke wohl, mein Sohn, was ich schreibe: Es werden sich viele, meistens unter dem Scheine des Guten, offenbaren, und sagen, sie hätten eine Arznei für deine kranke Seele; aber die, welche die Wahrheit haben, sind, von welchen du Nutzen schöpfen kannst; zu diesen halte dich. Wasser und Feuer wird dir vor Augen gestellt; du kannst deine Hand ausstrecken, wonach es dir gefällt, es sei Tod oder Leben. Dieses wird dir, mein lieber Sohn, im Anfange hart fallen zu hören, denn es ist deiner ersten Geburt zuwider, welche aus dem Fleische ist; du aber musst von neuem geboren und verändert werden, wenn du anders ins Reich Gottes eingehen willst; solange du fleischlich gesinnt bist, ja, solange du der Welt Narr und Feind nicht wirst, kannst du solches nicht verstehen. Herzinnigst geliebter Sohn! Ich bitte dich nochmals, wie zuvor, du wollest darauf bedacht sein und dich darnach richten; ich habe dir dieses aus meinem treuen Vaterherzen hinterlassen, als ich von dieser Welt scheiden, und um des Wortes des Herrn willen getötet werden sollte. Der Herr verleihe dir, und allen, die es lesen oder lesen hören, daß sie es sich zu Herzen nehmen, darnach tun und ewig selig werden.

Meines Sohnes Testament. Geschrieben im Jahre 1557 den ersten Montag im April und den 26. Tag des Monats mit dem Tode befestigt.