2.170  Hier folgt nun, wie Lysken, Hieronymus Eheweib, tapfer gestritten, und vor allen Menschen ihren Glaubensgrund bekannt habe, auch bis ans Ende standhaft geblieben sei, bis man sie des Nachts in einen Sack gesteckt und in die Schelde geworfen und also ihren Glauben mit ihrem Tode versiegelt hat.

Lysken, unsere Schwester, welche lange in Banden gelegen, hat die Zeit ihrer Wanderschaft vollendet und ist, der Herr sei ewiglich gepriesen, in des Herrn Wort bis ans Ende unbeweglich und standhaft geblieben; sie hat auch ihren Glauben ohne Scheu und Heuchelei im Gerichte vor der Obrigkeit und dem gemeinen Volke bekannt. Zuerst haben sie dieselbe wegen der Taufe gefragt, worauf sie sagte: Ich erkenne nicht mehr als eine Taufe, welcher sich Christus und seine Heiligen bedient und uns hinterlassen haben. Was hältst du, fragte der Schultheiß, von der Kindertaufe? Worauf Lysken antwortete: Für nichts anderes als für eine Kindertaufe und Menschensatzung. Da standen die Herren auf und steckten die Köpfe zusammen, während welcher Zeit Lysken ihren Glaubensgrund vor dem Volke klar bekannt und an den Tag gelegt hat; darum haben sie das Urteil gegen sie ergehen lassen. Sodann hat Lysken also zu den Herren gesprochen: Ihr seid nun Richter, aber die Zeit wird kommen, dass ihr wünschen werdet, Schafhirten gewesen zu sein, denn es ist ein Richter und Herr, welcher über alle ist, der wird euch auch zu seiner Zeit richten; aber wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu streiten, sondern wider die Fürsten, Gewaltigen und Herren dieser Welt. Darum sprachen die Herren: Führet sie hinweg vom Gerichte.

Hierauf ist das Volk in großer Menge herbeigelaufen, um sie zu sehen; aber Lysken hat freimütig zum Volke gesprochen: Wisset, dass ich nicht um Diebstahls, Mordes oder sonstiger Missetat, sondern allein um des unvergänglichen Wortes Gottes willen leide. Als sie zur Bergkirche kamen, hat sie gesagt: O du Mordgrube! Wie manche Seele wird in dir ermordet! Als sie zwischen den Dienern, welche sie übrigens nicht führten, vorwärtsging, so haben die Diener zu dem Volke gesagt: Stehet auf und machet Platz. Da hat Lysken gesagt: Sie hindern mich nicht, sie mögen mich wohl sehen und an mir einen Spiegel nehmen, die das Wort des Herrn lieben; unter diesem Gespräche ist sie wieder ins Gefängnis zurückgeführt.

Hierdurch ist das gemeine Volk sehr bewegt worden; die Freunde aber sind fröhlich und guten Mutes gewesen, weshalb am Nachmittage einige unserer Freunde in Begleitung einer großen Volksmenge auf den Stein zu ihr gegangen sind, um mit ihr zu reden; hier haben die Freunde ein wenig mit ihr gesprochen und gesagt: Es ist gut, dass du allein um des Wohltuns und in nicht um Böses willen leidest, aber um des andern Volks willen, das auf dem Stein ist, musste sie sich ihrer entziehen. Auch hat Lysken freimütig und tapfer zum Volke geredet und ein schönes Liedlein gesungen, worüber sich das Volk sehr verwunderte; desgleichen sind zwei Mönche dahin gekommen, um sie noch einmal zu versuchen, und haben sich (mit ihr) zu dreien in eine Kammer eingeschlossen; Lysken aber wollte ihnen kein Gehör geben. Als nun bei dieser Gelegenheit die Kammertür geöffnet wurde und viel Volk davor stand, sprach Lysken (welche eben in der Türe stand) zu den Mönchen: Gehet eures Weges, bis man euch rufet, denn ich will euch kein Gehör geben; wäre ich mit eurem Sauerteige zufrieden gewesen, ich wäre nicht hierzu gekommen; hierauf wurden sie abermals zu dreien in die Kammer geschlossen, und also sind die irrenden Geister oder Sterne mit ihrem falschen und tödlichen Gifte gekommen, aber Lysken war (Gott Lob) unerschrocken und wohlgemut, hat auch in der Mönche Gegenwart ein Liedlein zu singen angefangen. Hierauf hat einer von den Freunden, welcher daselbst war, gesagt: Schwester, streite tapfer; als sie aber solches hörten, sind sie sehr zornig geworden und haben gesagt: Hier ist noch einer von ihrem Volke, der ihr Gemüt stärket, und deshalb mehr verdient verbrannt zu werden, als sie selbst; sodann sind sie aber im Zorne weggegangen, denn ihre Stimme war fremd und sie wurden nicht angehört. Hierauf wurde Lysken allein in eine Kammer eingeschlossen, welche an der Straße lag, wo sie zu sitzen pflegte und niemand zu ihr kommen konnte, als derjenige, der den Schlüssel hatte. Als nun die Mönche auf die Straße kamen, um fortzugehen, haben sie einige Freunde, welche ihnen begegneten, gefragt: Will sie sich denn nicht bekehren? Hierauf antworteten sie: Nein, denn es war daselbst einer von ihrem Volke, welchen sie lieber hörte. Als es nun gegen den Abend ging, fügte es der Herr, dass einer von den Freunden an den Ort kam, da Lysken saß, und vieles mit ihr redete, dass es auch das Volk auf der Straße hörte, und jedermann sich nach dem Orte umsah, wo der Freund war, so dass einige, die bei ihm waren, ängstlich wurden, und ihn abgehen hießen; er aber sagte: Ich muss zuerst von ihr Abschied nehmen; dann sagte er zu der Gefangenen: Stehe auf, Schwester, und laß dich sehen und schaue zum Fenster hinaus; solches hat sie sofort getan, und als sie nach dem Volke, das auf der Straße stand, hinaussah, sind auch einige Freunde unter demselben gewesen, welche ihr zugerufen haben: Liebe Schwester, streite tapfer, denn dir ist die Krone des Lebens vorgelegt. Da sagte sie zum Volke: Trunkenbolde, Hurer und Ehebrecher werden alle geduldet, sie lesen in der Schrift und reden von derselben; aber die nach Gottes Willen leben und wandeln, müssen geängstigt, unterdrückt, verfolgt und getötet werden. Auch hat sie nachher zu singen angefangen: Siehe doch, sind wir nicht arme Schafe. Unter dem Singen aber (als das Liedchen noch nicht geendigt war) kamen die Herren mit den Dienern auf den Stein; da sagten einige Freunde: Lysken, singe ohne Scheu bis ans Ende; ehe sie aber das Lied geendigt hatte, zogen sie jene vom Fenster, und es fing an Abend zu werden, sodass man sie nicht mehr sah. Am Samstag früh aber sind wir aufgestanden, einige vor Tag, andere mit dem anbrechenden Tage, um diese Hochzeit zu sehen, wovon sie meinten, dass sie nun geschehen würde; aber die bösen Mörder sind uns zuvor gekommen; wir hatten zu lange geschlafen; sie hatten bereits zwischen drei und vier Uhr ihre Mordtat vollbracht. Sie sind nämlich mit dem Schäflein nach der Schelde gegangen, wo sie dieselbe in einen Sack gesteckt und, ehe das Volk ankam, ertränkt haben, so dass nur einige Menschen zugesehen haben, doch haben es einige gesehen, dass sie getrost zum Tode gegangen ist und herzhaft gesagt hat: Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist. Auf solche Weise ist sie zu des Herrn Preise überantwortet worden und abgeschieden, so dass viel Volk durch Gottes Gnade dadurch bewegt worden ist. Als nun das Volk ankam und vernahm, dass sie schon tot wäre, ist ein großer Aufruhr unter demselben entstanden, denn das Volk bejammerte solches so sehr, als ob sie öffentlich umgebracht worden wäre, und sagte auch: Diebe und Mörder bringt man öffentlich vor alle Menschen; und also ist dadurch ihre Falschheit desto mehr ausgebreitet worden. Darum fragten einige einfältigen Leute: Warum muss dieses Volk sterben, denn viele geben ihnen ein gutes Zeugnis; einige von den Freunden, die gegenwärtig waren, sagten öffentlich zum Volke: Die Ursache ist, weil sie Gottes Geboten mehr gehorchen, als des Kaisers oder der Menschen Gebote, und weil sie sich von Herzen zu dem Herrn, ihrem Gott, von den Lügen zur Wahrheit, von der Finsternis zum Lichte, von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, vom Unglauben zum rechten Glauben bekehrt haben, weil sie ferner ihr Leben gebessert und sich, nachdem sie recht gläubig geworden waren, nach Christi Befehle und dem Gebrauche seiner Apostel haben taufen lassen; sie haben auch ferner das Volk aus dem Worte Gottes unterrichtet, dass die Papisten diejenigen seien, von welchen der Apostel Paulus geweissagt hat, dass sie verführerische Geister seien, welche die Lehre der Teufel lehren; auch wie die Gerechten von Anfang her, von Abels Zeiten bis nun, haben leiden müssen, gleichwie auch Christus hat leiden und also zu seines Vaters Herrlichkeit eingehen müssen, und uns ein Beispiel hinterlassen hat, dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen, denn alle, die in Christo Jesu gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden.