2.168  Ein Brief von Hieronymus Segerß an den großen Henrich, welcher auch daselbst gefangen lag, im Jahre 1551 geschrieben.

Die Gnade und der Friede von Gott dem Vater, und die große Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, der vom Vater aus Gnaden und zum Heile allen denen gesandt ist, die ihren Sünden abgestorben und also mit Christo in einem neuen Leben auferstanden sind, und die ewige unergründliche Freude, Trost und Gemeinschaft des Heiligen Geistes starke dein Herz, deinen Verstand und deine Sinne in Christo Jesu. Demselben sei Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Ich wünsche dir, mein lieber Bruder im Herrn, Henrich, den ich aus meines Herzens Grunde, um der Stärke unsers Glaubens willen in Christo Jesu liebe, den rechten bußfertigen Glauben, welcher durch die Liebe wirksam ist, den du hast, und ein festes, beständiges Gemüt und Standhaftigkeit bis ans Ende in diesem kräftigen, seligmachenden Glauben. Ich bin über deine Standhaftigkeit sehr erfreut, weil du wieder so wohlgemut und zufrieden bist, dem Herrn sei ewiger Preis; ich bitte auch den Herrn für dich Tag und Nacht, dass Er dich mit seinem göttlichen Worte stärken und dich im Glauben befestigen, auch dich in der Löwengrube bewahren wolle, wie Er Daniel bewahrt hat, und dass Er dich mit seinem starken Arme behüten und dir das neue Jerusalem zum Erbteile geben wolle, was Er auch tun wird; denn Er ist treu, der es verheißen hat.

Darum, mein lieber Bruder in dem Herrn, laß uns wider alle reißenden Tiere tapfer streiten, denn das Leben ist uns zubereitet, und laß uns vor ihrem Drohen nicht furchtsam sein, noch ihrer Pein erschrecken, denn ohne den Willen des Vaters können sie nichts tun. Der Herr wird uns nicht über unser Vermögen versucht werden lassen. Der Herr ist unser Hauptmann, vor wem sollten wir uns fürchten? Der Herr ist mit uns, wer mag wider uns sein? Er wird uns bewahren wie seinen Augapfel, wie seine Söhne und Töchter, denn niemand wird seine Schafe aus seiner Hand reißen; es ist ja unmöglich, dass die Auserwählten Gottes sollten verführt werden können.

Darum siehe, mein lieber Bruder in dem Herrn, sei unverzagt, wenngleich sie hässlich über dich grunzen und murren, sie können dir sonst nichts tun. Laß uns wider alle Drachen und Löwen tapfer streiten, ergreife den Harnisch Gottes und das Schwert des Geistes und widerstehe ihnen getrost und unverzagt, und scheue niemanden; sie werden sich bald auf die Flucht begeben, denn das Schwert, welches uns der Herr gegeben hat, ist ihnen zu scharf; so ist auch der Herr für uns im Streite, wer sollte wohl vor Ihm stehen können? Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer, welches seine Feinde verzehrt. Darum bitte ich dich mein Bruder, laß es dich nicht verdrießen, dass sie dich hier in dieser Löwengrube so lange sitzen lassen, denn damit prüft uns der Herr, weil Er seine Auserwählten wie das Gold im Ofen prüft. Darum sei doch in deiner Trübsal geduldig, denn wo kein Streit ist, da ist auch kein Sieg; sollen wir nun überwinden, so müssen wir streiten; wer aber überwindet, wird alles besitzen. Darum laß uns das Kreuz mit Demut und Geduld auf uns nehmen und auf unsere Verheißung warten, gleichwie ein Ackermann auf seine Früchte wartet. Laß uns den Herrn vor Augen haben und Ihm bis in den Tod getreu sein, denn hier werden wir ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird uns widerfahren; er wird uns auf seinen Thron setzen und uns mit dem verborgenen Himmelsbrote speisen, und uns zu Pfeilern in dem Tempel seines Gottes machen. Hiermit sei dem Herrn anbefohlen und dem Worte seiner Gnade; Er wolle dich in seiner Gerechtigkeit bis ans Ende stärken.

Ferner berichte ich dir, dass du (wie mir gesagt worden ist) gehört haben solltest, ich hätte den Herrn verlassen, denn solches ist nicht wahr, wird auch in Ewigkeit nicht wahr werden, aber solches haben sie gesagt, um dich wieder abzuziehen und zu betrüben, und haben über mich gelogen, denn ich habe in meinem Glauben sonst nichts bekannt, als was sich gebührte, und bin jetzt noch ebenso getrost, als ich war, als ich bei dir lag, dem Herrn sei Lob, habe mich auch niemals bewegen lassen, denn ich wollte lieber alle Tage zehnmal gepeinigt und zuletzt auf einem Roste gebraten werden, als meinen Glauben, den ich bekannt habe, verleugnen.

Darum glaube ihnen nicht, wenn sie dir sagen, dass ich abgefallen sei, weil solches der Teufel tut, um dich damit zu verführen und zu betrügen, denn durch Gottes Gnade werde ich den Herrn nimmermehr verlassen; aber ich bin lange körperlich krank gewesen, wiewohl mein Geist um desto stärker gewesen ist. Ich habe den Herrn gebeten, Er solle mir mehr Leiden zusenden, wenn es mir ersprießlich sein würde, und Er stärkt und tröstet mich noch immer mehr, wofür ich Ihm nicht genug danken kann. Hiermit sei dem Herrn befohlen. Wenn du laut singst, so höre ich dich wohl. Ich danke dem Herrn, dass Er mir noch so viel Kraft gibt, dass ich singen hören kann.