2.165  Ein Brief von Lysken, des Hieronymus Weib.

Die Gnade, der Friede, die Freude und Liebe, die Christus seinen Jüngern hinterlassen hat, ist es, um welche ich aus eifrigem Herzen bitte, dass Er uns solche Liebe und solch ein standhaftes Gemüt mitteilen wolle, dass wir tüchtig erfunden werden mögen, der schönen Verheißung teilhaftig zu werden, die Er uns gegeben hat, wenn wir anders bis ans Ende standhaft bleiben. Demselben Christo sei Preis und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Ich kann dem Herrn nicht genug für seine große Gnade, grundlose Barmherzigkeit und die große Liebe danken und loben, welche Er an uns erwiesen hat, dass wir seine Söhne und Töchter sein sollen, wenn wir überwinden, gleichwie Er überwunden hat. Ach, wir mögen wohl mit Recht sagen, dass der wahre Glaube sich nach dem richtet, das nicht erscheint; der, welcher durch die Liebe wirkt, wird uns auch zur Herrlichkeit bringen, wenn wir anders mit Ihm leiden. Lasset uns darauf merken, liebe Freunde in dem Herrn, welche große Liebe die Weltmenschen, einer gegen den andern, haben. Es sind, wie man sagen hört, solche auf dem Stein gefangen, die sich freuen, wenn sie nach der Folter gebracht werden, weil sie daselbst denjenigen desto näher sein können, die sie lieben und zu welchen sie doch nicht persönlich gelangen können. Höret doch, meine geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn: Hat die Welt solche Liebe, ach, welche Liebe sollten wir denn nicht haben, die wir auf solche schöne Verheißungen hoffen? Es steht mir noch ein schönes Bild vor Augen von einer Braut, die sich schmückt, um ihrem Bräutigam von dieser Welt zu gefallen. Ach, wie sollten wir uns denn nicht schmücken, um unserem Bräutigam zu gefallen? Ach, möchten wir so ausgerüstet sein, wie die fünf klugen Jungfrauen ausgerüstet waren, mit Öl in ihren Lampen, um unserem Bräutigam entgegen zu gehen, und dass wir auch seine süße Stimme hören mochten: Kommt, ihr Gesegneten, ererbet das Reich meines Vaters. Ich bitte den Herrn Tag und Nacht, dass Er uns solche brünstige Liebe geben wolle, dass wir auch der Pein nicht achten, die sie uns antun, ja dass wir mit dem Propheten David sagen mögen: Ich fürchte mich nicht, was können mir Menschen tun. Und diese unsere Pein, welche leicht und zeitlich ist, ist nicht mit der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll, zu vergleichen. Deshalb, da es des Herrn Wille ist, dass ich mit Daniel so lange in der Löwengrübe liege und brüllende und reißende Wölfe und Löwen, wie auch die alte Schlange erwarten soll, die von Anfang her gewesen ist und auch bis ans Ende sein wird, so bitte ich alle lieben Brüder und Schwestern, dass sie in ihrem Gebete meiner eingedenk sein wollen; solches will ich auch wieder nach meinem Vermögen tun. Ach, meine lieben Freunde, wie kann ich meinem himmlischen Vater genug danken, dass Er mich armes Schaf tüchtig gemacht hat, um seines Namens willen so lange in Banden zu liegen; ich bitte den Herrn Tag und Nacht, dass diese meine Prüfung zu meiner Seele Heil, zum Preise des Herrn und zur Auferbauung meiner lieben Brüder und Schwestern gereichen möge, Amen.

Nicolaus auf der Buckerei hat zwei Pfaffen zu mir hierher gebracht, um mich zu unterrichten, welchen ich durch des Herrn Gnade antwortete. Sie sagten zu mir, es täte ihnen sehr leid, dass ich dieser Lehre zugefallen wäre, denn sie konnten daraus keinen Glauben machen, sondern nur eine Meinung, weil wir das nicht beobachten, was die christliche Gemeinde oder Kirche gebiete; ich aber antwortete ihnen: Wir begehren sonst nichts zu tun oder zu glauben, als was uns die Kirche Christi gebietet; aber mit dem Baal oder andern Tempeln wollen wir nichts zu tun haben, weil sie mit Händen gemacht sind nach der Menschen Gebote und Lehren, und nicht nach Christo. Stephanus sagt, dass der Allerhöchste nicht in Tempeln wohne, die mit Händen gemacht sind, denn er sagte, er sehe den Himmel offen, und Christus zur rechten Hand seines allmächtigen Vaters sitzen. Und Paulus sagt, dass wir der Tempel des lebendigen Gottes seien; wenn wir anders seinen Willen tun, so will Er in uns wohnen und wandeln. Sie sagten, dass sie gesandt wären, und diejenigen seien, welche auf Moses Stuhl sitzen; hierauf antwortete ich ihnen, dass sie also die Wehen angingen, von welchen geschrieben stände, Mt 23. Sie fragten mich, ob ich sagen wollte, dass derjenige, der mir diese Dinge gelehrt hätte von Gott gesandt worden sei, worauf ich antwortete: Ja, ich weiß dies gewiss, dass derselbe von Gott gesandt war. Hierauf fragten sie mich, ob ich wohl wüsste, wie ein Lehrer sein müsste? Ich antwortete: Ein Lehrer soll eines Weibes Mann sein, unsträflich, der gehorsame Kinder hat, kein Trunkenbold, Weinsäufer oder Hurenjäger ist; hierauf entgegneten sie: Tun wir Böses, so wird es auf unsere Kappe triefen; der Herr ist barmherzig. Da fragte ich, ob sie auf die Barmherzigkeit Gottes sündigen wollten und fügte hinzu, dass es geschrieben stände, dass wir nicht Sünde mit Sünde häufen und nicht sagen sollten: Der Herr ist barmherzig. Wir haben mehr geredet, welches zu weitläufig wird zu beschreiben. Ich sagte ihnen unter anderem, dass sie diejenigen seien, die allezeit lernten, und doch nicht zur rechten Erkenntnis der Wahrheit kommen könnten. Da sagten sie, Christus habe zu seinen Aposteln gesprochen: Euch ist es gegeben zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen; ich entgegnete: Die es nun recht verstehen, denen ist es auch gegeben. Zuletzt zeichneten sie sich sehr mit dem Kreuze und sagten, ich sollte es wohl innewerden, wenn ich vor Gericht stehen würde. Das soll wahr sein, sagte ich, wir werden dort zu Richtern gesetzt werden, um das ungehorsame und ehebrecherische Geschlecht zu richten. Hiermit gingen sie davon. Auch sagte ich ihnen, sie seien vom Satan gekommen, meine Seele zu ermorden und zu töten.

Noch einmal wünsche ich meinem lieben Manne in dem Herrn und mir den gekreuzigten Jesu zur unvergänglichen Freude, und eine unvergängliche Liebe bis in Ewigkeit, Amen.

Wisse, mein lieber Mann in dem Herrn, als ich las, dass du so sehr erfreut bist in dem Herrn, konnte ich den Brief nicht auslesen, sondern musste den Herrn bitten, dass Er mir solche Freude auch verleihen und mich bis an das Ende erhalten wolle, damit wir unser Opfer, zur Verherrlichung unseres Vaters, der im Himmel ist, und zur Erbauung aller lieben Brüder und Schwestern mit Freuden erfüllen mögen. Hiermit will ich dich dem Herrn und dem Worte seiner Gnade anbefehlen. Wisse, dass ich dir für deinen Brief, welchen du an mich geschrieben hast, sehr dankbar bin. Die Gnade des Herrn sei allezeit mit uns.