2.119  Ein tröstlich ermahnender Sendbrief, im Gefängnisse von Dirk Pieterß Samuel, sel. Andenkens, welcher zu Amsterdam in Holland um des Namens und Zeugnisses Jesu willen lebendig verbrannt worden, an alle Liebhaber der evangelischen Wahrheit im Jahre 1546 geschrieben.

Gesegnet sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns in allen unsern Trübsalen tröstet, damit wir auch diejenigen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Troste trösten können, womit wir von Gott getröstet werden. Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch durch Jesum Christum reichlich getröstet. Darum sagt Paulus, Eph 3: Ich bitte euch, liebe Brüder, dass ihr nicht müde werdet um meiner Trübsale willen, die ich für euch leide, welche euch eine Ehre sind. Deshalb beuge ich meine Knie gegen den Vater unseres Herrn Jesu Christi, der der rechte Vater ist über alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Derselbe sagt: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du solches den Klugen und Weisen verborgen hast, und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn es ist so wohlgefällig gewesen vor Dir; und niemand kennt den Sohn, denn der Vater, und niemand kennt den Vater, denn der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.

Darum spricht Er: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken; nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last leicht.

Darum, meine lieben Brüder, da wir einen solchen Hohenpriester haben, so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt in unserem Herzen und befreit von dem bösen Gewissen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser, und lasset uns an dem Bekenntnisse der Hoffnung halten und nicht Wanken, denn Er ist treu, der sie verheißen hat; und lasset uns untereinander antreiben zur Liebe und zu guten Werken, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie einige tun, sondern untereinander uns ermahnen, und zwar umso mehr, da ihr seht, dass sich der Tag naht; denn wir kennen denjenigen, der da sagt: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr, und ferner: Der Herr wird sein Volk richten; schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Denn er sagt: Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mk 8), denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer es aber um des Evangeliums willen verlieren wird, der wird’s erhalten.

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen; aber ich gebe euch ein neues Gebot, sagt Christus (Mt 5): Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters, der im Himmel ist, welcher seine Sonne lasset scheinen über die guten und bösen Menschen, und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon, tun solches nicht auch die Zöllner und öffentlichen Sünder?

So seid nun Gottes Nachfolger, als die lieben Kinder, und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns geliebt und sich selbst für uns zur Gabe und zum Opfer, Gott zum süßen Geruche, dahingegeben hat.

Fliehe die Lüste der Jugend, jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden, mit allen, die den Herrn anrufen von reinem Herzen; aber der törichten und unnützen Fragen entschlage dich, denn du weißt, dass sie nur Zank gebären; dass sie auf die Knechte des Herrn sehen, dieselben müssen nicht zänkisch sein, sondern freundlich gegen jedermann, lehrhaftig, die die Bösen ertragen können mit Sanftmütigkeit, und strafen die Widerspenstigen, ob ihnen Gott dermaleinst Buße gäbe, die Wahrheit zu erkennen und sie wieder nüchtern würden aus des Teufels Strick, von dem sie gefangen sind zu seinem Willen.

Wer ist weise und klug unter euch, der erzeuge mit seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmut und Weisheit; habt ihr aber bittern Neid und Zank in euern Herzen, so rühmt euch nicht, und lügt nicht wider die Wahrheit, denn das ist nicht die Weisheit, die von oben herab kommt, sondern irdisch, menschlich und teuflisch. Denn wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und eitel böse Ding. Die Weisheit aber von oben her ist aufs Erste keusch, darnach friedsam, gelinde, lässt ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht aber der Gerechtigkeit wird gesät im Frieden denen, die den Frieden halten.

Wer übertritt und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi bleibt, der hat beides, den Vater und den Sohn. Und so jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht mit sich, denselben nehmt nicht auf zu Haus und grüßt ihn auch nicht; denn so ihr ihn grüßt, so habt ihr Gemeinschaft mit seinen bösen Werken. Darum sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe; an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet; verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt; vergebt, so wird euch vergeben; gebt, so wird euch gegeben: Ein vollgedrückt, gerüttelt und übervolles Maß wird man in euren Schoß geben. Denn eben mit dem Maße, da ihr mit messet, wird man euch wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen, werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger ist nicht über seinem Meister; wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. Wer die Welt überwindet, wird alles besitzen; in Gott ist alles, und Gott wirkt alles in allem.

Darum, meine lieben Brüder! Wandelt nur würdig nach dem Evangelium Christi, damit, wenn ich komme und euch sehe oder abwesend von euch höre, ihr in einem Geiste und einer Seele steht, mit uns für den Glauben des Evangeliums kämpft und euch durch nichts abschrecken lasset von den Widersachern, was ihnen zur Verdammnis, euch aber zur Seligkeit gereichen wird. Denn euch ist auferlegt, um Christi willen zu beweisen, dass ihr nicht allein an Ihn glaubt, sondern auch um seinetwillen leidet, und dass ihr denselben Kampf kämpft, welchen ihr an mir gesehen habt und nun von mir hört.

Darum, meine allerliebsten Brüder, lasset euch die Hitze, die euch begegnet, nicht befremden (die euch widerfährt, damit ihr versucht werdet), als widerführe euch etwas Seltsames; sondern freut euch, dass ihr mit Christo leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Selig seid ihr, wenn ihr über dem Namen Christi geschmäht werdet, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch; bei ihnen ist er verlästert, aber bei euch ist er gepriesen; niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter, oder als einer der in ein fremdes Amt greift; leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht; er ehre aber Gott in solchem Falle, denn es ist Zeit, dass das Gericht an dem Hause Gottes seinen Anfang nehme; wenn aber zuerst an uns, was will es für ein Ende mit denen nehmen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben? Und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, wo will der Gerechte und Sünder erscheinen? Darum sollen diejenigen, welche nach Gottes Willen leiden, Ihm ihre Seelen befehlen, als dem treuen Schöpfer, zu guten Werken.

Denn das ist gewisslich wahr: Sterben wir mit, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit herrschen; verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen; glauben wir nicht, so bleibt Er doch getreu; Er kann sich selbst nicht verleugnen.

Darum, meine lieben Brüder, seht nun zu, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht wie die Unweisen, sondern wie die Weisen, und erkaufet die Zeit, denn es ist böse Zeit; darum werdet nicht unverständig, sondern verständig, was des Herrn Wille sei.

Denn es sind offenbar die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt habe und noch sage, dass, die solches tun, das Reich Gottes nicht ererben werden. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit; wider solche ist das Gesetz nicht; diejenigen aber, welche Christo angehören, kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. Ja, sagen die Weltweisen, die Ketzer glauben nicht, dass Gott im Sakramente sei. Ja wohl, mit vollem Rechte glauben sie das nicht; denn Paulus sagt: Er wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, Sein wird auch nicht von Menschenhänden gepflegt. Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christo Jesu, der unter Pontius Pilatus ein gutes Bekenntnis bezeugt hat, dass du das Gebot ohne Tadel und unsträflich bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesu Christi hältst, welche zu seiner Zeit der allein Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren zeigen wird, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnet in seinem Lichte, wo niemand zukommen kann, welchen kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann, dem sei Ehre und sein ewiges Reich. Amen.

Niemand hat je Gott gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoße ist, hat es uns verkündigt. Stephanus sagte: Ich sehe den Himmel offen, und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. Wenn nun Jesus Christus offenbar werden wird, welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt, und nun an ihn glaubt, wiewohl ihr ihn nicht seht, so werdet ihr euch mit unaussprechlicher und herrlicher Freude freuen, und das Ende seines Glaubens davonbringen, welches der Seelen Seligkeit ist. Ich sage, dass es eine große Vermessenheit sei, wenn Menschen sagen dürfen, dass sie Gott mit Händen betasten; denn Johannes, von welchem der Herr selbst bezeugt, dass von Weibern kein Größerer geboren worden sei, als Johannes der Täufer, hielt sich selbst unwürdig, seine Schuhe aufzulösen.

Wie aber den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, dann aber das Gericht, so ist Christus einmal geopfert worden, vieler Sünde hinwegzunehmen, dann aber wird Er denen ohne Sünde erscheinen, die auf Ihn zur Seligkeit warten. Aber dieses ist mein Glaube, dass denjenigen, die durch den Glauben an Jesum Christum den weltlichen Satzungen abgestorben sind und die bösen Lüste und Begierden ihres Fleisches gekreuzigt haben, Christus das Abendmahl unsers Herrn zum Gedächtnisse seines Todes hinterlassen habe, damit sie des Herrn Tod verkündigen sollen, bis Er kommen würde, wie Paulus sagt; mit den Klugen rede ich, richtet ihr selbst, was ich sage: Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s; so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind. Sehet an den Israel nach dem Fleische. Welche die Opfer essen, sind die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Was soll ich denn sagen? Soll ich sagen, dass es der Götze sei, oder dass das Götzenopfer etwas sei? Aber ich sage, was die Heiden opfern, das opfern sie den Teufeln und nicht Gott. Nun will ich nicht, dass ihr in der Teufel Gemeinschaft sein sollt; ihr könnt nicht des Herrn Kelch und der Teufel Kelch zugleich trinken; ihr könnt nicht zugleich des Herrn Tisches und der Teufel Tische teilhaftig sein.

Hiermit endigen seine Briefe; sie sind übersetzt und geendigt den 12. Januar im Jahre 1614.