2.8  Michael Sattler, 1527.

Nachdem auf den Tag seines Abschiedes aus dieser Welt vieles verhandelt wurde und der Artikel viele waren, so begehrte Michael Sattler,1 dass man ihm solches noch einmal vorlegen und ihn aufs Neue darüber verhören sollte. Dagegen hat sich der Schultheiß, als seines Herrn Statthalter, opponiert und es nicht zugeben wollen. Hierauf hat Michael Sattler ein Gespräch begehrt. Als nun die Richter sich hierüber beratschlagten, so haben sie ihm zur Antwort gegeben: Die Richter seien damit wohl zufrieden, insofern es seine Widersacher zulassen würden. Hierauf hat der Stadtschreiber von Ensisheim, des erwähnten Statthalters Advokat, folgendes gesagt: Vorsichtige, ehrsame und weise, Herren! Er hat sich des Heiligen Geistes gerühmt; wenn dem nun so ist, so halte ich ein Gespräch nicht für nötig, denn wenn er den Heiligen Geist hat, wie er sich dessen rühmt, so wird derselbe es ihm wohl sagen, was da verhandelt worden sei. Hierauf hat Michael Sattler geantwortet: Ihr Diener Gottes (Weish 6,4; Röm 13,4), ich hoffe, es wird mir solches nicht abgeschlagen werden; denn die fraglichen Artikel sind mir jetzt unbekannt. Der Stadtschreiber antwortete: Vorsichtige, ehrsame und weise Herren! Obgleich wir nicht schuldig sind, ihm solches zu tun, so wollen wir es ihm gewähren, damit in seiner Ketzerei nicht gesagt werden möge, es sei ihm Unrecht geschehen oder man habe ihm zu viel getan; darum wollen wir die Artikel abermals vorlesen.

Die Artikel bestehen darin: Erstens, dass er und seine Anhänger gegen des Kaisers Gebot gehandelt haben.

Zweitens hat er gelehrt, behauptet und geglaubt, dass in dem Sakramente der Leib und das Blut Christi nicht enthalten sei.

Drittens hat er gelehrt und geglaubt, dass die Kindertaufe zur Seligkeit nicht erforderlich sei.

Viertens hat er das Sakrament des Öls verworfen.

Fünftens hat er die Mutter Gottes und die Heiligen verachtet und geschmäht.

Sechstens hat er gesagt, man soll vor der Obrigkeit nicht schwören.

Siebtens hat er einen neuen unerhörten Gebrauch mit des Herrn Abendmahl angefangen, indem er Brot und Wein in eine Schüssel gelegt und dasselbe ausgegessen hat.

Achtens ist er aus dem Orden gegangen und hat ein Weib geehelicht.

Neuntens hat er gesagt, wenn der Türke ins Land käme, so sollte man ihm keinen Widerstand leisten und wenn das Kriegführen recht wäre, so wollte er lieber gegen die Christen zu Felde ziehen als gegen die Türken, was aber eine wichtige Sache ist, den größten Feind unseres heiligen Glaubens gegen uns herbeizuziehen.

Hierauf hat Michael Sattler mit seinen Brüdern und Schwestern zu reden verlangt, was ihm auch zugestanden worden ist. Als er nun in der Kürze sich mit ihnen unterredet hatte, hat er angefangen, unerschrocken so zu antworten: Auf diese Artikel, welche mich und meine Brüder und Schwestern betreffen, vernehmt folgenden kurzen Bescheid:

Erstens, dass wir gegen den kaiserlichen Befehl gehandelt haben sollten, gestehen wir nicht zu, denn derselbe hält in sich, dass man nicht der lutherischen Lehre und Verführung, sondern nur dem Evangelium und Worte Gottes anhangen soll; solches haben wir gehalten, denn es ist mir nicht bewusst, dass wir gegen das Evangelium und das Wort Gottes gehandelt haben sollten; ich berufe mich in dieser Beziehung auf die Worte Christi.

Zweitens, dass der wesentliche Leib des Herrn Christi nicht im Sakramente sei, gestehen wir, denn die Schrift sagt: Christus ist aufgefahren gen Himmel (Apg 1,9), sitzet zur rechten Hand seines himmlischen Vaters, von da er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten (2Tim 4,1); daraus folgt, dass er nicht in leiblicher Weise gegessen werden könne, weil er im Himmel und nicht im Brote ist.

Drittens, was die Taufe betrifft, so sagen wir, dass die Kindertaufe zur Seligkeit nichts nütze, denn es steht geschrieben, dass wir allein aus dem Glauben leben (Röm 1,17); desgleichen, wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden (Mk 16,16). So sagt Petrus: »Welches euch nun auch selig macht in der Taufe, die durch jenes bedeutet ist, nicht das Abtun des Unflats am Fleische, sondern der Bund eines guten Gewissens mit Gott durch die Auferstehung Christi.« (1Pt 3,21)

Viertens wir haben das Öl nicht verworfen, denn es ist ein Geschöpf Gottes; was aber Gott gemacht hat, ist gut und nicht verwerflich (1Mo 1,31; 1Tim 4,4); dass es aber der Papst, nebst seinen Bischöfen, Mönchen und Pfaffen haben besser machen wollen, davon halten wir nichts, denn der Papst hat niemals etwas Gutes gemacht. Dasjenige aber, dessen der Sendbrief des Jakobus gedenkt (Jak 5,14), ist nicht des Papstes Öl.

Fünftens, wir haben die Mutter Gottes und die Heiligen niemals geschmäht, sondern man soll die Mutter Christi über alle Frauen rühmen, indem ihr die Gnade widerfahren ist, dass sie den Seligmacher der Welt geboren hat (Lk 1,31; Mt 1,21); dass sie aber die Mittlerin oder Fürsprecherin sein soll, davon weiß die Schrift nichts (1Tim 2,5), denn sie muss mit uns das Urteil erwarten. Paulus sagt zu Timotheus: Christus ist unser Mittler und Fürsprecher bei Gott. Was die Heiligen betrifft, so sagen wir, dass wir, die wir leben und glauben, die Heiligen seien; solches bezeuge ich mit den Sendbriefen des Paulus an die Römer, Korinther (1Kor 1,2), Epheser (Eph 1,1) und an andern Orten schreibt er stets: den geliebten Heiligen. Darum sind wir, die da glauben, die Heiligen, diejenigen aber, welche im Glauben gestorben sind, halten wir für die Seligen (Offb 14,13).

Sechstens halten wir dafür, dass man vor der Obrigkeit nicht schwören soll (Mt 5,34; Jak 5,12), denn der Herr sagt: Ihr sollt aller Dinge nicht schwören, sondern eure Worte seien: Ja, ja, Nein, nein.

Siebtens, als mich Gott berief, sein Wort zu verkündigen und ich Paulus las, dabei aber den unchristlichen und gefährlichen Stand, worin ich mich befand, überlegte und der Mönche und Pfaffen Pracht, Hoffart, Wucher und große Hurerei ansah, so habe ich solches verlassen und nach dem Befehl Gottes ein Weib genommen (1Kor 7,2), denn Paulus hat hiervon an Timotheus recht geweissagt: Dass es in den letzten Tagen geschehen würde, dass man verbiete, ehelich zu werden und die Speise meiden, die Gott geschaffen hat mit Danksagung zu genießen (1Tim 4,3).

Achtens gestehe ich, gesagt zu haben: Wenngleich der Türke käme, so solle man ihm keinen Widerstand tun, denn es steht geschrieben: Du sollst nicht töten (2Mo 20,13); wir sollen uns gegen den Türken und unsere übrigen Verfolger nicht wehren, sondern mit ernstlichem Gebet (Mt 7,7) bei Gott anhalten, dass er sie zurücktreiben und ihnen Widerstand tun wolle. Dass ich aber gesagt habe, wenn das Kriegführen recht wäre, so wollte ich lieber gegen die sogenannten Christen ausziehen, welche die frommen Christen verfolgen, fangen und töten, als gegen die Türken, ist deshalb geschehen: Der Türke ist ein rechter Türke, weiß nichts von dem christlichen Glauben und ist ein Türke dem Fleische nach; ihr aber wollt Christen sein und rühmet euch Christi, aber ihr verfolgt die frommen Zeugen Christi und seid Türken dem Geiste nach (Tit 1,16).

Zum Beschlusse: Ihr Diener Gottes, ich ermahne euch, ihr wollt überlegen, dass ihr von Gott eingesetzt seid, den Bösen zu strafen, den Frommen aber zu schützen und zu schirmen. Weil wir nun nicht gegen Gott und das Evangelium gehandelt haben, so werdet ihr auch finden, dass wir uns nicht, weder ich, noch meine Brüder und Schwestern, mit Worten oder Werken an der Obrigkeit vergangen haben (Röm 13,4; Apg 25,8). Darum, ihr Diener Gottes, wenn ihr das Wort Gottes nicht gehört oder gelesen habt, so schickt nach den Gelehrtesten und nach den göttlichen Büchern, der Bibel, aus welchem Lande sie auch sein mögen und lasst dieselben mit uns über das Wort Gottes eine Unterredung halten und wenn uns dieselbe mit der Heiligen Schrift beweisen, dass wir irren und Unrecht haben, so wollen wir gerne davon abstehen und einen Widerruf tun, auch das Gericht annehmen und die Strafe dafür, weshalb wir angeklagt sind, gerne leiden (Apg 25,11). Wenn wir aber keines Irrtums überwiesen werden, so hoffe ich zu Gott, dass ihr euch bekehren und unterrichten lassen werdet.

Über diese Reden lachten die Richter und steckten die Köpfe zusammen, der Stadtschreiber von Ensisheim aber sprach: Ja, du ehrloser, verzweifelter Bösewicht und Mönch, sollte man sich wohl in einen Wortstreit mit dir einlassen! Ja, der Scharfrichter soll mit dir disputieren, glaube es mir gewiss. Michael sagte: Was Gott will, soll geschehen (Mt 6,10). Der Stadtschreiber sprach: Es wäre gut, du wärest niemals geboren worden. Michael antwortete: Gott weiß, was gut ist. Der Stadtschreiber entgegnete: Du Erzketzer, du hast die frommen Leute verführt, aber wenn sie nur noch jetzt von ihrem Irrtum abließen und Gnade annähmen. Michael: Gnade ist allein bei Gott. Da sprach auch einer der Gefangenen: Man muss von der Wahrheit nicht abweichen. Der Stadtschreiber: Du verzweifelter Bösewicht und Erzketzer, ich sage dir, wenn kein Scharfrichter zugegen wäre, so wollte ich dich selbst aufhängen, in der Meinung, dass ich Gott damit einen Dienst erweisen würde (Joh 16,2; 1Kor 4,5). Michael: Gott wird wohl richten. Hierauf hat der Stadtschreiber einige Worte mit ihm in Latein geredet, ohne zu wissen was. Michael Sattler antwortete ihm hierauf: Judica. Hierauf hat der Stadtschreiber die Richter ermahnt und gesagt: Er hört heute von diesem Geschwätz nicht auf, darum wolle der Herr Richter in dem Urteil fortfahren; ich will alles den Rechten übergeben haben. Der Richter fragte Michael Sattler, ob er es auch den Rechten überließe, worauf er antwortete: Ihr Diener Gottes, ich bin nicht gesandt, um über das Wort Gottes zu rechten; wir sind gesandt, um dasselbe zu bezeugen, darum können wir in kein Recht einwilligen, denn wir haben dazu keinen Befehl von Gott erhalten. Wenn wir aber den Rechten nicht entgehen können, so sind wir bereit, um des Wortes Gottes willen alles zu leiden, was uns zu leiden auferlegt wird, oder um des Glaubens willen an Jesum Christum, unsern Seligmacher, auferlegt werden mag, solange als wir einen Atem in uns haben (Hi 27,3), es wäre denn, dass wir mit der Schrift überwiesen werden. Der Stadtschreiber sagte: Der Scharfrichter wird dich wohl überweisen! Er wird mit dir disputieren, du Erzketzer. Michael: Ich berufe mich auf die Schrift. Hierauf sind die Richter aufgestanden, in eine andere Kammer gegangen und haben sich wohl an anderthalb Stunden darin aufgehalten, während welcher Zeit sie das Todesurteil beschlossen haben.

Unterdessen sind einige in der Kammer mit dem Michael Sattler sehr unbarmherzig umgegangen und haben ihn geschmäht; einer derselben sprach: Was hast du an dir und den andern ersehen, dass du sie so verführt hast? Auch hat er ein Schwert gezogen, welches auf der Tafel lag und gesagt: Siehst du, damit soll man gegen dich disputieren. Michael aber antwortete nicht auf die Worte, welche seine Person betrafen (Mt 27,14), sondern hat alles willig erduldet. Einer der Gefangenen sprach: Man muss die Perlen nicht vor die Schweine werfen (Mt 7,6).

Als Michael auch gefragt ward, warum er nicht ein Herr im Kloster geblieben wäre, hat er geantwortet: Nach dem Fleische war ich ein Herr, aber es ist so besser. Er hat auch nichts weiter geredet, als was angeführt ist – und dasselbe unerschrocken.

Als nun die Richter wieder in die Kammer kamen, hat man das Todesurteil vorgelegen, welches so lautet: Zwischen Kais. Majestät Statthalter und Michael Sattler ist zu Recht erkannt worden, dass man Michael Sattler dem Scharfrichter in die Hände geben soll; derselbe soll ihn auf den Platz führen und ihm die Zunge abschneiden, ihn dann auf seinen Wagen schmieden und seinen Leib daselbst zweimal mit glühenden Zangen reißen; und endlich soll man ihn vor das Stadttor bringen und ihm daselbst fünf Griffe geben.

Das Urteil ist in dieser Weise vollzogen worden, worauf er als Ketzer zu Asche verbrannt worden ist, seine Mitbrüder sind durch das Schwert gerichtet und die Schwestern ertränkt worden. Sein Weib aber, nachdem man sie sehr gebeten, ermahnt, bedroht hat, ist nach einigen Tagen auch in großer Standhaftigkeit ertränkt worden. Geschehen den 21. Mai 1527.